Kultur : KURZ & KRITISCH

Carsten Niemann

KLASSIK

Kreuz und quer:

Jacques Loussier in der Philharmonie

Eine merkwürdige Mischung aus historischem Konzert und reichlich Gegenwart gibt es am Dienstag im Kammermusiksaal der Philharmonie: Jacques Loussier, die Play-Bach-Legende, ist mit seinem Trio angerückt! Was der Musiker im 50. Jahr des Bestehens seiner Kunst der Klassikerverjazzung zu sagen hat, das interessiert ein altersmäßig auffallend gemischtes Publikum. Dass Loussier die Verbindungen zwischen Jazz und Barock, U- und E-Musik, Komposition und Improvisation zum richtigen historischen Zeitpunkt und am richtigen Objekt so treffend formuliert hat, macht Attraktivität und Größe, aber auch die Begrenzung seines Experiments aus: groß genug für ein Künstlerleben und formal so ungemein schlüssig, dass es die meisten aktuellen Crossover-Experimente alt aussehen lässt, lebt es dennoch auch von der Autorität Jacques Loussiers.

Dabei scheint der Meister bemüht, genau das Gegenteil zu beweisen: Er ist über weite Strecken vor allem daran interessiert, das präsente, von den Erfahrungen des Popzeitalters gezeichnete Spiel seiner exzellenten jüngeren Kollegen André Arpino (Schlagzeug) und Benoît Dunoyer de Segonzac (Bass) auf geschmackvolle Weise einzurahmen (ein wenig Verstärkung hätte dem Klavier gleichwohl keineswegs geschadet). Während sich beide mit zwei farbenreichen Soli bedanken, bricht Jacques Loussier nur einmal aus seiner Reserve aus, als er sich in der Paraphrase von Bachs fünftem Brandenburgischen Konzert in einer hübsch absurden Abschweifung à la Ravel und Debussy ergeht und über frühen Jazz à la Children''s Corner wieder in den Chorus einbiegt. Stehende Ovationen für einen netten Abend und ein bedeutendes Lebenswerk. Carsten Niemann

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