Kultur : KURZ & KRITISCH

Sybill Mahlke

KLASSIK

Attackieren:

Minetti Quartett in der Philharmonie

Das Minetti Quartett ist eine musikalische Sensation aus Österreich. Recherchen, warum die Vier sich Minetti Quartett nennen, führen ins österreichische Ohlsdorf, wo zu den Sehenswürdigkeiten das Thomas-Bernhard-Haus zählt. Der Name will dem großen Dichter huldigen, der „Minetti“ geschrieben hat. Im Kammermusiksaal spielen sie für die Debütreihe von Deutschlandradio Kultur zunächst eines der Haydn-Quartette, die auf ihrer ersten CD (hänssler classic) faszinieren: Opus 64,4. Nach einer kleinen Nervosität stürmen sie con brio. Das Wesen ihres Spiels ist Attacke und Konzentration.

Betreut vom Alban-Berg-Quartett in Wien, gehen sie nun in die Welt als Studierende, die ganz unprätentiös frühe Meisterschaft ausstrahlen. Maria Ehmer, Anna Knopp, Markus Huber und Leonhard Roczek verfügen über edle Instrumente, die Leihgaben der Österreichischen Nationalbank sind. Und sie entlocken ihnen Klangfarben ohne Zahl in der expressiven Gestik des Opus 3 von Alban Berg. Das ist ein Stück, das 1910 am Ende einer Lehrzeit (bei Schönberg) steht. Und die Minettis in ähnlicher Situation schöpfen die jugendliche Gebärde und Leidenschaft der Musik mit allen Stricharten, in allen Valeurs, aber auch ihrer Tiefendimension aus. In der Direktheit der Interpretation ist Bergs Reichtum ihr Reichtum, ihr Eigenklang. Die erste Violine jubiliert, ohne das Team, das sie trägt, je zu unterdrücken. Zart zieht sie sich zurück nach der Cellovariation in Schuberts „Der Tod und das Mädchen“. Im Presto atemberaubende Einigkeit der vier Individuen. Der Minetti von Bernhard poltert gegen den Absturz der Kunst, um einzuräumen: „Ich mag Musik sehr gern.“ Sybill Mahlke

JAZZ

Klöppeln:

Mulatu Astatke im Lido

Wie in Trance tanzen die Klöppel über das Vibraphon und lassen die Resonanzrohre singen. Und der alte schwarze Mann hinter dem Instrument begleitet sich selbst mit murmelnden Gesängen, als kämen tief aus seinem Innern all die Stimmen und Klänge, die im Laufe seines Lebens in seinen Körper eingegangen sind. Mulatu Astatke schöpfte in den Sechzigern den Ethio-Jazz, eine Mischung aus westlicher, lateinamerikanischer und äthiopischer Musik, er spielte mit Duke Ellington und kümmert sich heute als 65jähriger um das musikalische Erbe seiner Heimat. Es muss toll sein, in dem Alter nochmal von der Jugend entdeckt zu werden. Mit der jungen Formation The Heliocentrics entstand das heute erscheinende Album „Information Inspiration“ (Strut). Das Konzert im Lido ist ausverkauft, nur wenige sind über 40. Das ist Jim Jarmushs Schuld. In seinem Film „Broken Flowers“ bekommt Bill Murray für seinen Roadtrip vom äthiopischen Nachbarn eine CD mit Mulatu-Stücken. Groß dann auch der Jubel, als sich die feurigen Bläser zu „Yekermo Sew“ oder „Yègellé Tezeta“ aufschwingen. Der lässig zurückgelegte Bass und die vielschichtige Polyrhythmik schaffen einen unwiderstehlichen Sog. Bläser, Orgel und Gitarre steigern sich über Minuten, balancieren eine immer schwerer werdende Ladung, die sich dann bei der Rückkehr auf den Grundton mit Wucht entfaltet. Das stärkste Stück des Abends, mit von einer synkopischen Kuhglocke angetriebenem 6/4-Takt, heißt „Mulatu“. „Ich habe es für mich selbst geschrieben“, grinst der Meister, setzt sich an die Conga, schlägt behutsam die Felle und schließt die Augen. Seine Brauen tanzen im Takt. Kolja Reichert

KUNST

Demonstrieren:

Artur Zmijewski in der daad-Galerie

Trompeten, Trommeln, Schüsse, Schreie. „Frieden“ und „Rache!“, auch „Freiheit, Gleichheit!“, so schallt es in vielen Sprachen durch die Galerie des Deutschen Akademischen Austauschdienstes, dessen Gast Artur Zmijewski 2007 war (Zimmerstr. 90/91, bis 9. 5.; Mo-Sa 11-18 Uhr). Seitdem hat der Warschauer Videokünstler Menschen in Europa und dem Nahen Osten gefilmt, die ihre Meinung auf der Straße kund tun: Steinewerfer, Friedensaktivisten, Gewerkschafterinnen, Rechtsradikale, Fußballfans. Auf elf Bildschirmen präsentiert der 42-Jährige jetzt die Szenen, die er mit distanzierter Kamera eingefangen hat – unmöglich zu sagen, ob er mit einer der Gruppen sympathisiert. Aber darum geht es auch nicht. Vor zwei Jahren zeigte Zmijewski im Neuen Berliner Kunstverein Filme über Männer und Frauen in schlecht bezahlten Jobs, übermüdete Kassiererinnen, nervöse Straßenfeger. Der Druck, den er in jenen Porträts aufbaute, scheint sich in Democracies zu entladen: in einer Flut beiläufiger Bilder von aufgebrachten Menschen. Gerade ihr lapidarer Realismus aber macht Zmijewskis Arbeiten so dramatisch. Jenseits tagespolitischer Nachrichtenhäppchen ermöglicht er einen Blick auf das offensichtlich allgemein menschliche Bedürfnis, sich zu artikulieren und den Lauf der Dinge zu beeinflussen. Das rührt, erschüttert, macht froh, bange oder ekelt, je nachdem. Und manchmal wirkt es schmerzlich absurd. Zum Beispiel, wenn man zu den Rufen Berliner Fußballfans oder dem Tschingderassabum Belfaster Loyalisten einen Mann in Palästina sein verletztes Bein betrachten sieht. Claudia Wahjudi

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