Kultur : KURZ & KRITISCH

Ulrich Pollmann

KLASSIK

Englische Romantik:

Roger Norrington und das DSO

Der Aufbruch 1909, dem das DSO diese Saison widmet, fällt je nach Land unterschiedlich aus. Während Komponisten in Deutschland, Frankreich und Russland Altes radikal hinter sich ließen und sich die dramatischen gesellschaftlichen Umstürze von der Seele schrieben, holte man in England die Romantik nach, zu der die dortigen Komponisten wenig beigetragen hatten. Vor 100 Jahren wurde Tradition dort eher aufgebaut als zerschlagen. Dass die Resultate hierzulande nicht gerade hoch im Kurs stehen, weiß Roger Norrington, Dirigent des Abends in der Philharmonie – und stellt Gustav Holsts erster Sinfonie deshalb eine wunderbar ironische Liebeserklärung voran. Der Klang, den er dem DSO entlockt, ist allerdings gewöhnungsbedürftig. Norrington verlangt von den Streichern sein berühmtes, absolut vibratoloses Spiel.

Ralph Vaughan Williams’ Streicherfantasie über ein Thema von Thomas Tallis, der die warme Patina englischer Renaissancemusik eingeschrieben ist, fasziniert hingegen vom ersten Takt an. Man meint ein riesiges Gambenensemble zu hören. Im gleichen schlichten Pathos-Ton meistert der junge Geiger Ilya Gringolts auch „The Lark Ascending“, ein Konzertstück, mit dem Vaughan Williams dem Gesang der Lerche ein Denkmal setzte. Ein Abend, very British, von eigentümlicher Empfindsamkeit. Die spannungsgeladene Debatte nach dem Eklat um DSO-Chef Ingo Metzmacher macht er beinahe vergessen. Ulrich Pollmann

ROCK

Gebremster Schaum:

The Rifles im Postbahnhof

Junge Menschen, schweres Gedränge im Postbahnhof. Jubel brandet hoch, als die Rifles auf die Bühne kommen zu „Keep On Running“ von der Spencer Davis Group. Das beweist Geschmack, ist aber leider schon der letzte gute Song des Abends. Schlecht sind die Rifles eigentlich nicht. Klingen nach Mod und Punk, zwischen Jam und Clash. Melodisch und voll Energie. Zumindest auf den beiden Alben der Londoner, „No Love Lost“ von 2006 und „Great Escape“, gerade erschienen.

Im Konzert heftige Gitarrenriffs von Strato- und Telecaster, Stakkato-Genagele zu „She’s Got Standards“. Doch schon scheint die Luft raus zu sein. Die Stimme von Joel Stoker wirkt, anders als bei den Studioaufnahmen, schwachbrüstig. Jeder spielt so dahin, schön laut, aber lustlos. Haben sie sich vor dem Auftritt gestritten? Sind sie ausgelaugt vom endlosen Herumtouren? Die schönen Melodien saufen ab im faden Klangbrei. Statt wilder Gischt gebremster Schaum. Angenehme Abwechslung kommt erst auf, als sich Stoker und Lucas Crowther Akustikgitarren umhängen und hübsch dazu singen, während Bassist und Drummer einmal Ruhe geben – um leider gleich wieder mit unpräzisem Gerumpel jeden Ansatz von Melodik und Dynamik zu zerpoltern. Mögen die Fans es anders empfinden, doch wie The Kooks überzeugen die Rifles live leider nicht. Den Konkurrenten Arctic Monkeys, Kaiser Chiefs und Franz Ferdinand können sie das Wasser nicht reichen. H. P. Daniels

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben