Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Jörg W,er

POP

Heuschrecken aus der Steckdose:

High Places im Prater

Beim ersten Volksbühnen-Konzert in der Ausweichspielstätte Prater wird gefremdelt: Dem heruntergekommenen Theatersaal fehlt die schützende Aura des plüschigen Stammhauses, das gerade für Bands wie die High Places von Vorteil wäre. Mary Pearson und Roy Barber werden mit der von einem tollen Debütalbum erzeugten Erwartungslast konfrontiert und erfüllen diese nur zum Teil. Natürlich konnte man kaum hoffen, dass ein Low-Budget-Duo aus New York all die Klangspielzeuge mit auf Reisen nehmen würde, die den durchgedrehten Meta- Folk ihres Debüts geprägt haben. So sieht man statt eines Tableaus aus manipulierten Gitarren oder umfunktionierten Haushaltsgeräten nur zwei Werkbänke mit Keyboard- und Sampler-Aufbauten. Zwar beeindruckt Roy Barber mit der vehementen Beackerung seiner elektronischen Drumpads, aber dies allein kann mit dem szenischen Wahnsinn einer Band wie Animal Collective, den stilistisch nächsten Verwandten, nicht konkurrieren. Schade, denn die Musik bleibt außergewöhnlich: Mary Pearsons Gesang ist ein betörendes Schweben durch erratische Melodielinien. Darunter ein dichtes Klangeflecht, Steeldrum-Geklöppel, schräg getaktete Beats. Mit dem Heuschreckenschwarm-Techno „Universe“ verabschieden sich die High Places nach nur 45 Minuten. Der Applaus ist herzlich, Begeisterung klingt anders.

Die war zuvor Cortney Tidwell entgegengeschlagen. Die Tochter einer Countrysängerin berührt mit spartanischem Songwriter-Folk: Mit der Rechten beackert sie ein Schlagzeug, mit der Linken ein Keyboard, dazu singt sie langgezogene Vokale. Jörg Wunder

POSTROCK

Es rieselt aus dem Kopf:

Mono im Lido

Man kommt hinein, und schon empfängt einen eine Klangwolke, die noch den abwesendsten Brummschädel durchdringt: Vibration im wahrsten Sinne, Gefühle, die nicht verkündet, sondern entwickelt werden. Tremolo-Gitarren, die von der Decke prasseln, sich endlos ausbreiten und sich schließlich in einer Winzigkeit Langeweile verlieren. Dann aber wieder hinein in die Materie, überquellend pompös, laut, kitschig und hypnotisch. So sind Mono, eine Band aus Japan, die sich zwischen den Songs geistesabwesend anstarrt, bis das Publikum zu murren beginnt und sie ihm einen neuen Brocken hinwirft, an dem es sich festbeißen kann. Seit zehn Jahren produziert das Quartett eine instrumentale Bombastmusik, die sich an den Errungenschaften von Postrockbands wie Mogwai oder Godspeed You Black Emporer orientiert.

Nachdem sie ihr aktuelles Album „Hymn To The Immortal Wind“ mit einem opulenten Streichorchester eingespielt hat, muss der Breitwandzauber bei der Live-Präsentation im randvoll gefüllten Lido der Bühnentechnik geopfert werden. Doch auch so, mit zwei Gitarren, Bass und Schlagzeug, entwickelt sich ein Sog, der Überblick und Einordnung vergessen macht. Simple Melodien werden in wuchtige Akkordfolgen verpackt und zu einem beständigen Grundrauschen verdichtet, das in seiner wechselnden Tönung der Meeresbrandung ähnlich ist. Ein sanftes Rieseln, das sich im schleppenden Crescendo zum monströsen Tsunami hochschaukelt und gleichzeitig an die Schmachtfetzen von Ennio Morricone und Feedbackorgien der frühen Sonic Youth erinnert, während das Publikum in eine Art Schüttel-Trance fällt und nach hundert Minuten erbarmungsloser Schönheit ebenso taub wie glücklich ins Freie strebt. Volker Lüke

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