Kultur : KURZ & KRITISCH

Julia Boeck

KUNST

Kaffee kochen:

Türkisches in der Galerie Tanas

Es riecht. Zwei junge Menschen in weißen Kitteln präsentieren eine Auswahl osteuropäischer Parfumplagiate mit Namen wie „Sheriff“ oder „Prestige“. Wie bei einer Werbeaktion großer Kaufhäuser versprüht ein Pädagogikstudent aus Dresden ein paar Spritzer „Prestige“. An einem Tisch faltet unterdessen eine brasilianische Kunststudentin unablässig T-Shirts zusammen, die ein Jurist neben ihr gleich wieder auf den Grabbeltisch der „Shoppingmall“ zurückwirft.

In der Gemeinschaftsarbeit Unemployed Employees – I found you a new job! in der Galerie Tanas befragen die türkischen Künstler Aydan Murtezaoglu und Bülent Sangar in einer raumgreifenden Installation die Bedeutung von Arbeit (Heidestr. 46 -52, bis 30. 5., Di-Sa 11-18 Uhr). Fast spöttisch bebildern sie den Alltag Arbeitsloser. Eine Zeichnung von Sangar zeigt eine lange Schlange arbeitssuchender Menschen, die viele Stunden auf eine Eignungsprüfung warten. Das erinnert mehr an einen Hundeplatz als an ein professionelles Auswahlverfahren.

Ihre Mitarbeiter in den Projekträumen haben die Künstler mit Hilfe einer Stellenanzeige gefunden und damit die Frage aufgeworfen, ob auch sie zum Prekariat jener arbeits- und besitzlosen Akademiker gehören, die für einen geringen Stundenlohn Taxi fahren oder Büros putzen. Im Pausenraum, einem Kommunikations- und Diskussionsort für Ausstellungsbesucher, tauschen drei ehemalige Hochschulabsolventen bei Filterkaffee in Plastebechern gesammelte Erfahrungen aus. Sie sprechen von schlecht bezahlten Nebenjobs und gescheiterten Bewerbungsverfahren. Es stinkt. Julia Boeck

POP

Party machen:

Das Debütalbum von The Virgins

Es hat ein Dreivierteljahr gedauert, bis mit dem Hype auch das erste unbetitelte Album von The Virgins hier ankommt ( Atlantic) und die Band gleich mit, die am Donnerstag im Festsaal Kreuzberg spielt. Auf der Fashionweek in Paris diente der verwegene Stilmix aus Postpunk und Disco bereits als Soundtrack. Das passt. Sänger Donald Cumming und Gitarrist Wade Oates haben sich als Models bei einem Fototermin kennengelernt. Sie sehen wie Gewinner eines The-Clash-Lookalike-Contests aus – Amerikaner, die coolsten Leute der Welt, kleiden sich wie britische Arbeiterkinder! Wen das nicht verstört, die Musik tut es bestimmt. Es gibt kein Riff und keine Melodie, die nicht schon woanders zu hören war. Die Virgins plündern unbekümmert das Achtziger-Erbe. Wobei sie denselben musikalischen Twist vollziehen, der damals die Rolling Stones veranlasste, knödelnde Disco-Songs zu schreiben. Das macht die Sache zumindest musikologisch interessant. „Rich Girls“, „Teen Lovers“ und „Murder“ beschwören die ewige Party und sind knochige Coverversionen von Songs, die vielleicht tatsächlich nie geschrieben wurden. Nicht mal von den Strokes, ohne die Cumming & Co. nichts alleine können. Kai Müller

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