Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg W,er

PERFORMANCE

Metaphern und Scharmützel:

Dietmar Dath in den Sophiensälen

Ein Kritiker, meinte Dietmar Dath, habe ihm angedroht, er werde ihm wohl das scheußliche „Lyrik und Jazz“-Etikett anheften müssen, wenn er, Dath, zusammen mit dem Kammerflimmer Kollektief Lesung und Musik verschmelzen wolle. Er habe sich deshalb für das „Im erwachten Garten“ betitelte Unterfangen alternative Begriffspaare ausgedacht. Etwa „Liebesbriefe und Postrock“. Ein Liebesbrief in Dathscher Verklausulierung könnte die vierteilige „Mischa-Ballade“ sein, mit der der 39-Jährige das knapp anderthalbstündige Programm in den Sophiensälen eröffnet. Der promisken Prenzlberg-Bewohnerin Mischa wiederfährt nächtens im Mauerpark Böses, worauf sie die Stadt verlässt und sich mit ihrer Lebensgefährtin „neu auf die Welt bringt“.

Die Beschwörung eines von der Zivilisation gebrochenen Naturerlebnisses kennzeichnet zwei weitere Gedichte, in denen Dath mit Metaphern und Mythologie überladene Jagdszenen entwirft. Inwiefern die mit eigenwilliger Akzentuierung vorgetragenen Texte, unter denen das fulminante Poem „Die fast unverständlich langen Sätze der politischen Wut“ als Rundumschlag über die Möglichkeiten der Geburtenkontrolle thematisch aus dem Rahmen fällt, einen „geheimen Urtext“ zu Daths Roman „Die Abschaffung der Arten“ darstellen, mögen Exegeten des Mammutwerks beurteilen. Daths Verse münden stets in die Klangscharmützel des Kammerflimmer Kollektiefs: Heike Aumüller, Johannes Frisch und Thomas Weber improvisieren mit Harmonium, Gesang, Kontrabass, E-Gitarre und Computer zwischen Free Jazz, esoterischer Folklore und krautiger Elektronik vagabundierende Miniaturen, wobei besonders Frisch als Teufelsbassist für Furore sorgt. Dietmar Dath scheint dazu in eine Art Trance zu versinken. Aber ganz kommt das hyperaktive Dichterhirn nicht zur Ruhe. Einmal macht er sich Notizen, die er in Form eines „improvisierten Vierzeilers“ vorträgt: „Ich, Es, Über-Ich / kann mich nie entscheiden / wird wohl die Psychose sein / muss ich drunter leiden.“ Jörg Wunder

KLASSIK

Trillerketten unterm Regenbogen: Martin Helmchen im Konzerthaus

Ein junges Talent schärft sein Profil: Mit 26 Jahren ist Martin Helmchen „artist in residence“ beim Konzerthaus Berlin geworden – Gelegenheit für eine Saison, sich nachhaltig ins musikalische Gedächtnis der Stadt zu spielen. Sein Solorecital im kleinen Saal zeigt einen jungen Künstler auf dem Sprung in die erste Liga. Bemerkenswert schon das Programm: Den Antipoden religiös-musikalischer Ekstase, Bach und Messiaen, steht Robert Schumann mit seinen in Bach’scher Polyphonie verwurzelten Höhenflügen gegenüber. Dabei tut die Sensibilität des jungen Pianisten der Partita Nr. 6 von Bach besonders gut. Die Motive der ausladenden „Toccata“ gehen seufzende Dialoge ein, die „Sarabande” klagt und schmeichelt in zartesten Nuancen, und selbst die gezackte Linearität der „Gigue“ bleibt biegsam.

Helmchens stupende Anschlagskunst, die sich hier als absolute Klarheit der Stimmen zeigt, splittert sich in drei Stücken aus Olivier Messiaens „Vingt regards sur l’enfant-Jésus“ in ein tausendfarbiges Klangprisma auf, die Sinnlichkeit jenes „theologischen Regenbogens“, mit dem der Komponist die göttlichen Wunder pries. Besonders bewegend „Le Baiser de l’enfant-Jésus“, äußerst delikat abgetönte Akkordfolgen, die in endlosen glitzernden Trillerketten explodieren. Eigenartig, wie Schumanns zart flüsternde „Arabeske“ nach der Pause mit dem korrespondiert. Subtil gestaltet, entfalten auch die „Symphonischen Etüden“ ein breites Stimmungspanorama, punkten dabei mit einer Virtuosität, die sich niemals in den Vordergrund stellt. Wie glänzend sie tatsächlich ist, zeigt erst eine irrwitzig vorbeiwirbelnde Mendelssohn-Etüde als Zugabe. Isabel Herzfeld

KLEINKUNST

Wodka und Strohblumensträuße: Victor Schefé, Bar jeder Vernunft

„Hier spricht Radio Victor. Es ist jetzt ziemlich genau 20.17 Uhr.“ Ein Großstadtmensch in Jeans und Kapuzenpulli betritt die Bühne der Bar jeder Vernunft und singt „030- Aspirin-Vitamin-Adrenalin-Berlin“. Dazu lässige Bewegungen, laszives Lippenlecken, der schnelle Griff durchs frisch blondierte Haar. Victor Schefé, als Sohn eines Russen und einer Deutschen in Rostock geboren, wird als Schauspieler gern in der Rolle des Ostblock-Bösewichts besetzt.

Jetzt sitzt er als Radiomoderator live im Studio von – so der Titel seiner zweiten Show – „Radio Victor“. Er zieht eine Platte aus der Kiste und erzählt mit bassiger Stimme die Geschichte von Gaby, dem Mauerblümchen aus Blankerode. Verliebt in Peter, der nur Augen für Carola hat. Doch dann gehen die Düsen an, Schefés Band hebt ab und Gaby fliegt, ja sie fliegt – er streckt die Arme aus – und landet direkt im Park. „Gaby wartet im Park“, sang schon Udo Jürgens. Aber worauf eigentlich? Schefé weiß es. Mit verspiegelter Pornobrille intoniert er den „Popstarsong“: „Du kochst mir Wodka/Ich bin dir verfallen/Du bist mein Popstar/Dieser Song muss knallen.“ Es folgt der „Strohblumenstrauß“, eine Ballade, bei der das Trommeln des Herzschlags langsamer und langsamer wird, bis man die Luft anhalten möchte. Schefé beherrscht das Leise und das Laute, leider wird nicht ganz klar, was er mit seinem Potpourri aus „Russian Reggae“ und „Radio Gaga“, fremden und eigenen Songs erzählen will. Geht es um die Sehnsucht eines Ostdeutschen nach New York, damals in den Achtzigern? Die dreiköpfige Band ist toll, mühelos jongliert sie mit Ska, Rock, Pop, Chanson und lässt keine Bälle fallen. Dann: Sendepause (bis 19. April, Di–Sa 20, So 19 Uhr).Julia Boeck

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