Kultur : KURZ & KRITISCH

Sybill Mahlke

KLASSIK

Vollendet:„Winterreise“ mit

Thomas Quasthoff und Barenboim

Nun will der Lenz uns grüßen, und Thomas Quasthoff singt die „Winterreise“. Welcher Kontrast von außen nach innen, zu gefrorenen Tränen und starrem Fluss! Und doch, diese Musik lässt sich abheben vom Jahreskalender. Traumverloren singt sie von großem Abschiednehmen, Nachklang einer schönen verlorenen Zeit. Und die heißt Frühling, Lerche, Nachtigall, Mädchenaugen. So wendet sich die Musik im „Rückblick“ von Moll nach Dur: „Wie anders hast du mich empfangen“. Plötzlich wird dieses Sich-Erinnern Gegenwart, wenn der Sänger nuanciert, dass die Liebe gelogen hat: „Da war’s gescheh’n um dich Gesell!“

Gemeinsam wandern Quasthoff und Daniel Barenboim auf den verschwiegenen Wegen des Zyklus. Nach den Entladungen der Orchesterkräfte in diesen Festtagen mit „Lohengrin“ und Brahms-Requiem ist es wunderbar, Barenboim am Klavier wieder ganz bei sich und in seiner Welt zu erleben, als Schubert-Interpreten, als diskreten Romantiker, dem Duktus der Lieder folgend. So erscheint es richtig, dass der Sänger, eine ungewöhnliche Dankesgeste, sich am Ende applaudierend vor dem Pianisten verneigt. Dies ist der stille Höhepunkt des Staatsopernfestivals. Die Konzentration, die Quasthoff erreicht – trotz unbegreiflicher Störungen in der vollbesetzten Philharmonie, auch nach seiner Bitte um Ruhe –, ist unvergleichlich. Wie schlechthin vollendet der „Lindenbaum“, wie „kalt“ der Fluss und immateriell der körperliche Schmerz („keine Last“): Diese Reise durch unwirkliche Räume wie „Das Wirtshaus“ bleibt spannend in jedem Wort des Dichters Wilhelm Müller. Und der Bassbariton klingt dazu wie ein behütetes Geschenk. Standing Ovations. Sybill Mahlke

KUNST

Dionysisch:

Markus Lüpertz in der Zimmerstraße

Mit diesen Gegenständen ist nichts anzufangen. Wie auf einem Friedhof für amerikanische Postkästen stehen Markus Lüpertz’ „Tunnelblumen“ von 1969 herum, in satter Leimfarbe, doch ohne Interesse an einem Leben jenseits des kalten blauen Hintergrunds, der eben kein Himmel ist, sondern, nun ja, Blau. Der private Kunstverein „El Sourdog Hex“ gewährt einen Einblick in die „dithyrambische Malerei“, mit der der im Sommer scheidende Direktor der Düsseldorfer Akademie als gerade 20-Jähriger seinen Platz in der deutschen Nachkriegskunst besetzte (bis 25. 4., Zimmerstr. 77, Di-Sa 11-18 Uhr).

In einem prometheischen Akt hatte er mit seiner Schöpfung der Dithyrambe das Eigenrecht der Malerei behauptet, gegen deren Auflösung in Abstraktion und gesellschaftlichen Ansprüchen. Die Gegenstände, die sich aus der Dithyrambenfigur entwickelten, waren archaische Formen, die in ihrer skulpturalen Anmutung zuallererst für sich selbst standen. Das vierteilige Großgemälde „Spur“ erinnert in seiner seriellen Anordnung an die Pop Art, doch die wie Zacken eines Reißverschlusses ineinandergreifenden Formen sind weit weg von einer Ikonografie des Alltags. Monolithisch die bunten Balken im „Zaun“, deren betont künstliche Räumlichkeit sich an der Fläche des (wieder blauen) Hintergrunds bricht.

Dithyramben werden zu Ehren von Dionysos gesungen, der in den drei Versionen des Motivs „Kalterer See“ als Traube im Bildvordergrund auftaucht. Die Werke überraschen mit Landschaftsmotiven. Doch dient in den grünen Flächen nicht die Malerei zur Darstellung eines Motivs. Das Motiv ist hier Mittel zum Selbstausdruck der Malerei. Kolja Reichert

KLASSIK

Engelsgleich: Johannes-Passion

mit den Windsbacher Knaben

Glücklicherweise spielt das Münchener Kammerorchester wie von selbst. KarlFriedrich Beringer, Leiter des Windsbacher Knabenchors, hat in der Philharmonie nämlich andere Dinge zu tun: Seine Augensterne ins Licht zu setzen, sie zu immer größerer Innigkeit zu reizen, zu herrlich stechenden Hochtönen, einer Weichheit, dann wieder Strahlkraft, die Bachs Johannes-Passion noch dort erhalten bleibt, wo andere Chöre längst erschöpft sind oder im Wunsch, noch einmal richtig präsent zu werden, brüllig werden, im Schlusschoral zum Beispiel, „Ach, Herr, lass dein lieb Engelein“. Nach zwei Stunden ohne Pause singen die Windsbacher Knaben noch immer wie junge Götter, oder zumindest so, dass man versteht, wie vergangene Jahrhunderte darauf kommen konnten, die Knabenstimme per Kastration erhalten zu wollen.

Ansonsten hinterlässt die Darbietung einen durchwachsenen Eindruck. Solide ist sie zwar und technisch souverän. Doch fällt niemand aus den fest zugewiesenen Rollen – Christus, Judas, Pilatus, hier die eigene büßend-reflektierende Seele, dort die Solistenattitüde im Kampf mit dem Wunsch nach Identifikation. Auch wenn man selten einen so hell timbrierten, so mühelos ins Falsett gleitenden Evangelisten wie Thomas Cooley gehört hat, auch wenn Detlef Roth, der die Bass-Arien singt, und die Sopranistin Jutta Böhnert ihre Sache ausgezeichnet machen: Im Grunde stört an diesem Abend alles, was nicht Knabenchor ist. Es wäre interessant zu wissen, wie die Aufführung unter einem Dirigenten klingen würde, der auch dem Rest der Passion obsessiv Aufmerksamkeit schenkt. Christiane Tewinkel

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