Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Frederik HanssenD

KLASSIK

Groß: Der Chor der Mailänder Scala schmettert Verdi in der Philharmonie

Wenn es da oben einen furchterregenden, strafenden Gott gibt, dann hat er sich am Karfreitag in der Philharmonie offenbart: durch den Chor der Mailänder Scala. Im Rahmen der österlichen Staatsopern-Festtage führt Daniel Barenboim mit den Italienern Giuseppe Verdis „Messa da Requiem“ auf – und die 120 Stimmen entfalten bedrohliche, geradezu alttestamentarische Klangwucht, nicht nur im berühmten „Dies irae“. Ein erschütterndes Erlebnis: für die Grundmauern des Scharoun-Baus, aber auch für das Publikum, das vor allem die Choristen lange und lautstark feiert. In denkbar größtem Kontrast steht dazu an der Spitze des Solistenquartetts die phänomenale Anja Harteros. Mit engelsgleicher Reinheit lässt sie ihren Sopran immer wieder in himmlische Höhen entschweben (am Ostermontag wird sie die „Traviata“ an der Deutschen Oper sein!).

Zwischen diesen beiden akustischen Extremen bewegen sich, merkwürdig unentschlossen, Instrumentalisten und Dirigent. Obgleich auch das Mailänder Orchester in Maximalstärke angereist ist, sind die Streicher kaum zu hören, sobald die überdominanten Bläser einsetzen. Und Maestro Barenboim? Koordiniert das Geschehen souverän, ohne allerdings dem Versuch zu unternehmen, dem Werk eine klar erkennbare Interpretationsrichtung zu geben. Die Zuhörer im restlos ausverkauften Saal aber stören sich nicht daran, zeigen sich vielmehr dankbar, dass die Italiener ihr Gastspiel überhaupt angetreten haben nach dem schrecklichen Erdbeben, dessen Opfern zu Beginn in einer Schweigeminute gedacht wird. Frederik Hanssen

KLASSIK

Hell: Das Orchestra of the Age

of Enlightenment im Konzerthaus

Die Applausordnung ist Programm: Nachdem Bachs Matthäuspassion verklungen ist, verlassen sämtliche Ausführenden das Podium des Konzerthauses, um in einer langen Reihe, in der Solisten und Orchestermusiker bunt gemischt nebeneinanderstehen, den Dank des Publikums gemeinsam entgegenzunehmen. Vorausgegangen ist eine Aufführung, die ein Musterbeispiel für musikalische Demokratie ist – und das, obwohl man es mit der Aufführungspraxis des Barockzeitalters sehr genau nimmt. Nur acht Solisten inklusive des als Evangelisten agierenden Tenors und Leiters Mark Padmore erzählen die Passionsgeschichte, während das ohne Dirigenten spielende Orchestra of the Age of Enlightenment ihnen buchstäblich den Rücken stärkt; in den Arien hat jeder Solist mindestens ein Mal die Gelegenheit, sich aus der Reihe zu lösen, in die Mitte des Orchesters zu treten und von dort aus seinen persönlichen Kommentar zum Geschehen abzugeben: vom existenziellen Ernst der Sopranistin Laura Mitchell über die ruhig strömende Hingabe des Mezzos Christiane Stotijn oder der in Ton, Mimik und Gestik glaubhaft gelebten Betroffenheit des Tenors Robert Murray bis hin zu der hinreißend sanften Würde des auch mit den Jesusworten betrauten Roderick Williams. Während Mark Padmore (dessen grandiose erzählerische Begabung und leichte, wohltönende Höhe man bei jeder anderen Aufführung des Werks künftig vermissen wird) die überlieferte Handlung eindringlich vor Augen führt, entfaltet sich eine zweite, innere Handlung aus den Betrachtungen der aus dem Kollektiv heraustretenden Individuen: überzeugender, als es die noch so schlüssige Werkdeutung eines einzelnen Dirigenten vermöchte. Carsten Niemann

KLASSIK

Frei: Das DSO-Karfreitagskonzert

mit Bach und Mendelssohn

Zur Abwechslung geht es beim Deutschen Symphonie Orchester diesmal um Berührung, nicht um Trennung. Bach der Berührende, Mendelssohn der Berührte. Das Credo des Karfreitagskonzerts unter Andrew Manze: Bei Mendelssohn hört man immer auch ein bisschen Bach. Dass Manze die Sprache des Barock zutiefst durchdrungen hat, beweist der Londoner dabei erneut eindrücklich. Wie architektonisch er in Bachs Orchestersuite Nr. 3 das Geschehen formt, die Polyphonie seziert, ohne ihr dabei nur einen Hauch Lebendigkeit zu rauben, das ist bemerkenswert. Dazu ein DSO, das dieser Lesart mit fabelhafter Strenge nachkommt und selbst im festlichen Bourée-Satz kein Stück an Contenance verliert. Auch nach der Pause stehen sich im letzten Contrapunctus aus der „Kunst der Fuge“ akademischer Reiz und klanglicher Genuss nicht gegenüber, sie ergänzen sich fruchtbar. B-A-C-H als frei atmendes Lehrstück, als Tonsatztheorie in vitalster Form.

Und dann ist da Mendelssohn, der Berührte. Der Knackpunkt: Im 1. Klavierkonzert spielt Pianist Steven Hough das Verknüpfungsspiel nicht mit. Und er tut gut daran. Zwischen Hammerschlag-Attitüde im Kopfsatz und aufwühlender Lyrik im Andante schafft er virtuose, romantische Ausdrucksebenen, die dem Werk gerecht werden, gerade weil sie mögliche Bach-Rezeptionen ausklammern. In der Reformationssymphonie hingegen gibt es subtile Beziehungen – und es wirkt unnötig plakativ, wenn Manze die religiöse Semantik des Werkes in pompösen Klang umsetzt; und wenn er im 3. und 4. Satz Bach’sche Manieren überdeutlich herausstellt. Das DSO folgt ihm willig. Nur wirklich überzeugt klingt es dabei nicht immer. Daniel Wixforth

0 Kommentare

Neuester Kommentar