Kultur : KURZ & KRITISCH

Volker Lüke

ROCK

Alles heavy:

Earth im Prater

Earth aus Seattle sind echte Bewußtseinserweiterer, eine Instrumentalband, die ganz auf Slow Motion setzt. Anfang der Neunziger gegründet und nach der ersten Inkarnation von Black Sabbath benannt, schufen sie mit ultraverlangsamten, tief runtergestimmten Metal-Riffs dröhnenden Doom-Metal – und kehrten 2005 nach fast zehnjähriger Auszeit mit einer Country-Variante zurück, die sich zuletzt in Richtung Jazz wendete. Nur: Klingt auch die nicht vor allem wie ein düsterer Western-Soundtrack, der zu lange in der Sonne gelegen hat?

Earth machen Musik für einsame Reiter, die mit einem Sarg durch die Wüste ziehen. Ihre Musik schmeckt nach altem Whiskey, der Männer so dick macht wie ihren Anführer Dylan Carlson. Bei seinem Auftritt im Prater entlockt er seiner Gitarre ein knochentrockenes Vibrato, das wundersam mit dem wie aus feuchten Kellern heraufhallenden Schlagzeug seiner Lebensgefährtin Adrienne Davies korrespondiert. Dazu pumpt Don McGreevy den Bass, und Steve Moore drückt flackernde Keyboardsounds aus den Tasten.

Alles schleppt sich dahin, die derb angerissenen Gitarrensaiten stacheln nur an, um das Ganze wieder in Lethargie versinken zu lassen. Dabei ist die zelebrierte Passivität nicht mit Apathie zu verwechseln. Vielmehr wirkt sie wie elektrisch aufgeladen. Jeder Ton wird in Zeitlupe zum Ausdruck grandioser Ruhe erhoben, destilliert zu einer einzigartigen Essenz von Langsamkeit. Und je weiter dieser Sound vordringt, desto breiter wird die Welt namens Earth, in der uramerikanische Träume zur mythischen Klangfarbe werden. Echt heavy. Volker Lüke

KUNST

Alles Label: Südafrika

bei Daimler Contemporary Berlin

Die Grenzen zwischen angewandter und „hoher“ Kunst sind fließend geworden. Daimler Contemporary Berlin präsentiert Modelabels, die am Wettbewerb für den „Mercedes-Benz South Africa Award for Fashion Design“ teilgenommen haben. Kühne Kreationen, an sich höchst sehenswert – eine Gegenüberstellung mit Kunstwerken aus der Daimler-Sammlung scheint also nicht unbedingt nötig. Doch die Kombination „Sieben plus Sieben“ weitet den Horizont, weil die Kunst einen weiteren gesellschaftlichen Rahmen aufzieht (Potsdamer Platz, bis 30. August, Mo–So 11–18 Uhr).

Seit 2000 wird der Preis vergeben. Die Sparte der aus Südafrika rekrutierten Preisträger wechselt von Jahr zu Jahr. Architektur, Dichtkunst oder Jazz waren bereits an der Reihe – und die in der Ausstellung gezeigten Kunstwerke stammen durchweg von früheren Gewinnern. So schildern Fotografien von Guy Tillim das Leben in einem kleinen afrikanischen Dorf, das von Armut und Aids geprägt ist. Die Menschen kehren dem Betrachter vielfach den Rücken zu, manchmal flüchten sie geradezu aus dem Bild. Dazu ragen vor den Fotos stolz die faltenreichen Kleider des Gewinnerduos Black Coffee auf. Ausgangspunkt der Entwürfe sind südafrikanische Trachten in einer traditionellen, rötlichen Lehmfarbe.

Ganz anders Themba Mngomezulu: Für seine collagenhaften Kreationen lässt der Designer sich von der südafrikanischen Jugendkultur inspirieren. Sein Label Darkie wertet bewusst einen ursprünglich rassistischen Begriff um. Dazu sind historische Bilder von Jürgen Schadeberg zu sehen, der die Apartheid der Fünfziger Jahre dokumentiert. Jens Hinrichsen

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