Kultur : KURZ & KRITISCH

H.P. Daniels

ROCK

Für immer Rebell:

Jackson Browne in der Arena

Die Arena ist bestuhlt, aber die Veranstalter haben „links“ und „rechts“ im Parkett verwechselt, was zur lustigen Abzählerei und einigem Durcheinander führt. Doch die Fans von Jackson Browne sind ja schon etwas älter, höflich und gesittet. Und so hat fast jeder seinen Platz gefunden als das Licht ausgeht und pünktlich um acht der Kalifornier und seine Band auf die Bühne kommen. Den blöden weißen Bart hat er sich abrasiert, Browne wirkt jugendlich und schlaksig wie vor dreißig Jahren. Und ist doch schon sechzig. Aus dem Jahr 1980 stammt der erste Song: „Boulevard“, der cool und lässig dahinrockt. „Everywhere I Go“ von 1993 schaukelt als hübscher Reggae hinterher. In „Barricades Of Heaven“ klingeln und dingeln die Gitarren, umspinnen Brownes warme Stimme mit kräftigen Fills, bevor er sich am E-Piano niederlässt zu „Fountain Of Sorrow“. Zurück an die Gitarre für den Titelsong des neuen Albums: „Time The Conqueror“. Sehr nett alles, routiniert und gefällig. Und man wird ein bisschen schläfrig. Ob es an den neuen Songs liegt, die nicht so richtig zünden? Doch auch „Doctor My Eyes“ von 1972 sprüht und funkelt nicht so wie früher, bleibt farblos. Wenn auch einige Fans immer wieder die Arme verzückt zur Bühne recken in glückseliger Erwartung auf Erleuchtung und Segnung durch Brownes Musik, kommt von der Bühne sanftes Geplätscher. Vielleicht war das letzte Konzert vor sechs Jahren reizvoller, weil da Präsident Bush noch am Ruder war, und Browne noch etwas hatte, gegen das er rebellieren konnte. H.P. Daniels

POP

Getrennt leiden, vereint kuscheln: Dear Reader im Lido

Den luftigen Indie-Folk von Dear Reader könnte man in Glasgow oder Portland verorten, vielleicht auch in Toronto oder Uppsala. Bestimmt würde man ihn nicht in Johannesburg vermuten, wo Cherilyn MacNeil, Darryl Torr und Michael Wright zu Hause sind. Ihre emotionale Unbehaustheit als Teil der weißen Minderheit in der Achtmillionenmetropole thematisieren sie in „The Same“, das in einer kitschigen Vereinigungsutopie mündet. Als Politvisionäre taugen Dear Reader somit kaum, dafür ist ihr flauschiger Feelgood-Pop zu unbedarft. Im gut gefüllten Lido erweisen sich Dear Reader aber als unwiderstehliche Charmeure: Wenn Cherilyn MacNeil ihre Zwischenansagen verkichert, ist sie so niedlich wie ein Katzenbaby, das mit einem Wollknäuel herumtobt. Viele Stücke beginnen mit einfachen Akkord-Texturen auf Gitarre und Orgel, zu denen MacNeils Stimme in mehreren Loop-Schleifen übereinander gelegt wird. Erst dann steigen Torrs federnder Bass und Wrights sensibles Schlagzeug ein, der rhythmische Drive bleibt aber Grundierung für die melodische Dominanz der Songs. Eine gute Stunde fesselt die bestens gelaunte Band ihr Publikum, dessen leidenschaftliche Beifallsbekundung die jungen Akteure sichtlich verlegen macht. Knuddelig. Jörg Wunder

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben