Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

H.P. Daniels

CANZONE

Träume in Hiehmällblau:

Vinicio Capossela im Tipi

Um halb neun im Tipi ist man plötzlich in einer anderen Zeit. Ein tätowierter Jahrmarktschreier auf Stelzen mit Megaphon verkündet: Vinicio Capossela und seine erstaunliche „Circus Sideshow“ über den „Mann mit dem von Geschichten entstellten Gesicht“. Vinicio, mit Zauselbart und Fusselkopf unterm Zylinder, radebrecht charmant zwischen Italienisch, Englisch und Deutsch herum, dass man gar nichts mehr versteht, aber alles erfühlt. Wie auf einer Kanzel agiert er hinter der großen Theaterorgel und singt „Il Gigante E Il Mago“, das Lied vom Riesen und vom Zwerg, vom betörenden neuen Album „Da Solo“. Im schattig nebeligen Spelunkendunkel bedient eine illustre Truppe in Zirkusuniformen diverses Plingel- und Klingel-, Rappel- und Klapperzeug. Wie eine durchgeknallte Heilsarmeekapelle mit Sax und Tuba, Vibraphon, Kontrabass, Theremin und einem vorzüglich schrägelnden Gitarristen.

Vinicio geht an den Flügel zur melodietrunkenen Ballade „In Clandestinita“, tauscht den Zylinder gegen eine Kreissäge, spricht von „hiehmällblau Brrottbüxe“, trällert ein Liedchen vom vollkommenen Tag, hockt sich vors winzige rote Kinderklavier, betrauert die tragische Trennung von Paaren, am Beispiel vom mysteriösen Verschwinden einzelner Socken. Jede Menge Hüte, Brillen, Jacken, Gesichter und Geschichten. Italienische Oper und New-Orleans-Flair mischen sich mit taumelnden Walzern, wilden Polkas, amerikanischem Blues-Knarren. Puccini, Brecht und Weill wehen von ferne, Randy Newman, Tom Waits und die Tiger Lillies winken von nah. In „Tucksonn in Amerika“ habe er mit Calexico aufgenommen: Mariachi-Klänge. Mit gehörnter Stiermaske und im Zottelfell hämmert er eine dicke Traube aus Kuhglocken auf die Bühnenbretter, zum schwerblütigen Heavy-Metal-Rap. Eine Schande, dass der wunderbare Vinicio Capossela nicht längst in Deutschland so populär ist wie in Italien (noch heute, 20 Uhr, und So 19 Uhr).H.P. Daniels

THEATER

Die tote Braut:

„Don Juan“ im bat-Studiotheater

Eine Sehnsucht ist geblieben: „Don Juan kommt aus dem Krieg“ mit der Erinnerung an eine verratene Braut. Seinen Namen hat er abgelegt, nur die ermüdende Aufgabe des Verführers ist geblieben. 35 Frauen kreuzen in den Jahren der Inflation nach dem ersten Weltkrieg seinen Weg, flüchtige Abenteuer ohne Liebe und Erfüllung – die gesuchte Braut aber ist tot, und Don Juan erfriert nach ruhelosem Herumirren an ihrem Grab.

Ödön von Horváths 1935 entstandenes Schauspiel macht den Verführer zum Getriebenen, gefangen in der grüblerischen Abwehr von Triebhaftigkeit. Übermächtig bleibt für den Suchenden der Traum von der großen, idealen Liebe. Horváth schrieb ein Stationenstück, mit schnell wechselnden Handlungsorten und Zeitumständen, neben den flüchtigen Auftritten der 35 Frauen gibt es nur die eine große Rolle des Don Juan.

Beim Gastspiel der Schauspiel-Agentur Type Face im Studiotheater bat spielt Beat Marti Don Juan als einen biegsamen, vorsichtig Witterung aufnehmenden Menschen, der sich fast unterwürfig zu den Frauen niederbeugt, ihre erotischen Angebote staunend entgegennimmt. Vor einer Bildwand mit den knapp übermittelten Szenentiteln ist auf kleinem Podest der Platz der Frauen, die aus dem Dunkel auftauchen, Kontakt suchen mit dem Mann. Charlotte Hofmann bringt das erotische Geschäft von beschränktem Angebot und großer Nachfrage in einem stetigen, anmutigen Rhythmus und mit milder Ironie auf die kleine Bühne. Eine zupackende Deutung gesellschaftlicher Hintergründe wird nicht versucht, das Stück bleibt in seinen Fugen, auch wenn am Ende, vernünftigerweise, die angestrengte Schneemann-Metapher Horváths entfällt. Christoph Funke

KUNST

Im Iglu spielen:

Nord-Expedition in der Turmstraße

Die Galerie Nord treibt immer schon wie eine Eisscholle im Meer aus Imbissläden und Boutiquen. Jetzt haben sich die Räume in der Turmstraße, in der sich der Kunstverein Tiergarten präsentiert, in den Nordpol verwandelt. Der Künstler Oliver Oefelein hat eine Eislandschaft aus eisblauen HartschaumDämmplatten aufgebaut. Die Installation ist Teil der Ausstellung „Expedition Nord“, die er zusammen mit den Künstlerinnen Ka Bomhardt und Angela Lubic konzipierte (bis 29. April, Turmstraße 75, Di.-Sa. 14-19 Uhr). Vor einem Iglu rotieren Trichter, die aussehen wie Eiszapfen, aber auch wie Fernrohre. Schließlich erschließen die Künstler neue Welten „mit dem Forschergeist der Entdecker“, wie es im Begleittext heißt. In der Eishütte dreht sich ein Wagenrad aus Dämmmaterial unter den schleifenden Kufen-Geräuschen von Eishockey-Spielern. Das Rad und der Freizeitspaß – beides sind Erfindungen, Zitate aus der zivilisierten Welt. In der Ausstellung geht es auch um die Absurdität der zivilisierten Welt. Bei Oefeleins Iglu und Ka Bomhardts Schattenspiel mit Alltagsgegenständen und Gewehren sind das nette Spaziergänge. Bei Angela Lubic ist es tatsächlich eine Expedition. Sie verteilt futuristische Architektur auf den ganzen Globus: Mit schwarzem Faden und Nägeln hämmert sie fiktive Umrisse ufo-artiger Häuser an der Wand fest. Die Fäden verknüpft sie mit weit verstreuten Punkten auf einer Weltkarte, die horizontal davor liegt. Daraus entsteht ein Netz aus High-Tech-Wohnlandschaften. Eine Welt der Visionen. Anna Pataczek

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