Kultur :  KURZ  &  KRITISCH

Carsten Niemann

KLASSIK

Das Hinterteil des Dirigenten:

„Karneval“ in der Komischen Oper

Stimmung in der Komischen Oper: Dvoráks Konzertouvertüre „Karneval“ liegt auf den Pulten, und mit John Axelrod steht ein Dirigent auf dem Podium, der sich für ein entspanntes Verhältnis zwischen Musikern und Publikum einsetzt. Blitzartig wechselt er von einer dynamischen Position in die nächste, so dass auch sein Kopf ins Wippen gerät und auf Schlag genau stehen bleibt, als Axelrod ins besinnliche Adagio überleitet. Dann aber schieben die Orchesterdiener für Bohuslav Martinus Konzert zwei riesige Flügel zwischen Publikum und Dirigenten. An ihnen nehmen Yaara Tal und Andreas Groethuysen Platz, doch aus der Dreiecksgeschichte wird nichts: Statt einen gemeinsamen Swing für Martinus orchestralen Jazz zu entwickeln, bindet Axelrod die Aufmerksamkeit an sich, wobei er noch den banalsten Triangel-Einsatz mit flirrenden Fingerbewegungen nachzeichnen muss.

Konsequent ist es da, wenn er bei der abschließenden Pastoralsinfonie die rheinische Frohnatur Beethovens entdeckt und zum Hirtentanz mit dem Hintern wackelt. Die Orchestermitglieder folgen gleichwohl mit Motivation, die sich in disziplinierter Dynamik und ausdrucksvollen melodischen Linien ausdrückt. Über Axelrods geringeres Interesse für harmonische Vorgänge oder die differenzierte Gestaltung von Begleitfiguren können sie jedoch nicht hinwegtäuschen. So kommt man sich beim abschließenden Jubel so einsam vor wie ein Berliner beim Kölner Rosenmontagszug. Carsten Niemann

KUNST

Kultur der Karawanen:

Die Seidenstraße in Dahlem

Seidenstraße – das ist eine maßlose Untertreibung. Das zentrale Themenfeld der Indien-Abteilung des Museums für Asiatische Kunst ist ein gigantisches Netz von Karawanenstraßen, auf dem Kaufleute und Armeen, Religionen und Kulturen vom Mittelmeer nach Ostasien und umgekehrt gelangten. In Kooperation mit dem neuen Chinesischen Kulturzentrum in Berlin und der Turfanforschung der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften konzentriert sich der indische Flügel der Dahlemer Museen nun auf den „Kulturaustausch auf der nördlichen Seidenstraße“ (Lansstr. 8, bis 1. 9., Di-So 10-18 Uhr).

Im Zentrum stehen bemalte Seidentuchreste, Wandmalereifragmente und Lehmskulpturen, die in der Oase von Turfan (Xinjiang), in den Buddhagrotten bei Dunhuang oder in Kizil gefunden wurden. Die fragmentarisch erhaltene Malerei „Surya auf dem Sonnenwagen“ zeigt eine ikonografische Nähe zwischen der buddhistisch geprägten Malerei in den Höhlen von Kizil und der griechisch-römischen Mythologie. Viele Exponate belegen den Austausch zwischen China, Zentralasien und dem Nahen Osten. Das Kabinett soll auf eine zukünftige Kooperation verschiedener Institutionen im Humboldt-Forum vorausweisen. Bis dahin ist Zeit, an der noch dürftigen Vermittlungsarbeit zu feilen. Jens Hinrichsen

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