Kultur : KURZ & KRITISCH

Sybill Mahlke

KLASSIK

Freundliche Aufforderung:

Rozhdestvensky im Konzerthaus

Wer im zwanzigsten Jahrhundert über große Komponisten der Zeit und Neue Musik schreibt, dem sind die späten Symphonien von Prokofjew kaum der Erwähnung wert. „Die Luft der Fremde bekommt meiner Inspiration nicht, weil ich Russe bin“, hatte der junge Weltbürger gesagt und kehrte 1934 in seine Heimat zurück. Von da an ist er für die westliche Avantgarde abgetan, zumal Werke wie die patriotische Fünfte (1944), obwohl sie von Dirigenten wie Ansermet und Karajan eingespielt wird. Was da zur „baren Trivialität“ abgleitet und „lärmenden Optimismus“ verströmt, passt schwerlich nach Darmstadt und Donaueschingen.

Nun kommt aus Moskau die authentische Probe aufs Exempel ins Konzerthaus (noch einmal heute). Wenn Gennadi Rozhdestvensky Prokofjew und Tschaikowsky dirigiert, ist von dem Pathos, das der russischen Seele im Sinn von schwülem Ausdruck nachgesagt wird, nichts mehr zu spüren. Es gilt eher, dass er den Tschaikowsky der Fünften wie den Neo-Tschaikowsky und Neo-Mahler Prokofjew entsentimentalisiert. So nimmt er das berühmte Leitthema Tschaikowskys streng und die Süße des Andante cantabile sehr diskret. Hier wird ihm aus dem Konzerthausorchester ein schönes Hornsolo zugespielt. In dem B-Dur-Werk zum Kriegsende fällt das Scherzo als der geistreichste Satz auf, weil durch Witz und Ironie und Jazz und Walzer die Persönlichkeit des frühen Prokofjew aufblitzt.

Rozhdestvensky gehört zu den Dirigenten, in die ein Orchester sich verlieben kann. Er lässt die Soli singen und trägt sie auf Händen durch aufmerksame Begleitung. Seine Zeichengebung besteht aus Präzision und freundlicher Aufforderung, die das Konzerthausorchester dankbar annimmt. Behende erzählt die linke Hand, was zwischen den Noten steht. Und der Maestro honoriert, dass auf das Orchester Verlass ist. Seine Hände ruhen, wenn er den Musikern zuhört. Der Rest ist Autorität. Sybill Mahlke

KUNST

Solotanz auf Polyester:

Sabine Groß im Kolbe-Museum

Manchmal sind historische Bahnhofshallen und andere Riesenplateaus einfach nicht das Richtige für Kunstwerke, die besser im intimen Rahmen wirken. Dann muss man Kabinette in den Ausstellungsraum hineinbauen. Oder noch besser: vorhandene Nischen ausnutzen. Drei mal drei Meter misst der Grundriss der Kunstkammer im Georg-Kolbe-Museum, Wandhöhe: 4 Meter. Nach der raumhohen Erstbespielung mit einer kletterpflanzenartigen Skulptur durch Dennis Feddersen bietet die Bildhauerin Sabine Groß nun ein Kontrastprogramm: Ihre Bodenskulptur „Ohne Titel (Kampfplatz)“ nutzt nur ein Minimum des Volumens – mit maximaler Wirkung (Sensburger Allee 25, bis 21.6., Di-So 10-17 Uhr). Der Kontrast zwischen einer ursprünglich geschlossenen Form und ihr zugefügten Schnitten, Störungen, Brüchen charakterisiert viele Arbeiten der Bildhauerin. In der Kunstkammer liegt ein großer, durch einen Epoxydharzanstrich matschig glänzender Fladen aus starrem Polyester. Die Ränder sind abgerundet, was den Fußspuren, Tritten und Rutschkerben auf der Oberfläche einen besonders wild-expressiven Ausdruck verleiht. Es handelt sich um den Abguss eines großen Stückes Ton, den Sabine Groß mit zwei verschiedenen Schuhpaaren bearbeitet hat. Den Arbeitsprozess muss man sich wie eine Art Solotanz vorstellen oder wie „Ikebana“ – wie die 1961 in Ulm geborene, an der Münchener Kunstakademie ausgebildete Künstlerin im Hinblick auf das sorgfältig durchkomponierte Relief erklärt. Dabei meint man, hier wären zwei kraftstrotzende Schlammcatcher aufeinander losgegangen. Jens Hinrichsen

OPER

Heiße Leidenschaft: Andris Nelsons in der Deutschen Oper

Glänzend von Schweiß und nach Atem ringend wie ein Fisch, den es aufs Land geworfen hat, steht er am Ende da und nimmt die Ovationen des Publikums entgegen. Andris Nelsons hat sich restlos hingegeben, auch aufgeopfert an diesem Abend in der Deutschen Oper Berlin. Der junge lettische Dirigent auf dem Sprung zur großen Karriere konnte für die Wiederaufnahme eines Herzblutstückes gewonnen werden: Tschaikowskijs „Eugen Onegin“ (wieder am 3., 7. und 9. Mai). Ein zartes Werk, das immer wieder aufs Neue die Gefühle seiner Protagonisten befragt und dabei eine Handvoll berührender musikalischer Motive dem Strömen der Zeit aussetzt. Wofür entbrennen wir, was bleibt von den Leidenschaften?

Nelsons tut alles dafür, die hellen und die dunklen Lebensbahnen auszuschreiten. Seine Hände segeln auf und nieder als wollten sie die Musik notbeatmen, alles soll aufglühen, sich laufend verändern, leben. Die Arme des Dirigenten reichen weit in den Orchestergraben hinein, bis auf die Bühne dringen sie leider nur selten vor. Das liegt an einer wenig inspirierten Besetzung. Olga Guryakova liefert ihre Partie in trefflicher Lautstärke ab, Lust und Lied von Tatjanas einsamer Liebesbriefnacht aber bleiben verborgen. Bo Skovhus in der Titelrolle ist das baritonale Feuer erloschen, ein Umstand, der ihn auch darstellerisch zu lähmen scheint. Dazu Auflösungserscheinungen in Götz Friedrichs Inszenierung von 1996: ängstliche Chordamen auf Leitern, desorientiertes Ballett. Was bleibt von unseren Leidenschaften? Nelsons Schweißperlen funkeln in der Nacht. Ulrich Amling

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben