Kultur : KURZ & KRITISCH

Thomas Lackmann

SWING

Westfalen-Schmalz: Götz Alsmann

im Admiralspalast

Wäre er gern Sinatra? Den Max Rabe, den Helge Schneider gibt er nicht. Ist er ’ne milde Mischung? Die gute Nachricht: Götz bleibt Götz. Er liebt Schlager, ein Herzblutjazzer. Er gibt den talentierten Jungen mit Schlips und Raketentolle, der uns verschmitzt ein Kunststück nach dem andern zeigt: sein Schwiegersohn- Charmekonzept. Götz Alsmann bringt uns perfekten Sound, Leidenschaft für Musik. Entführt uns mit einer Altherren-Combo in den Swing- und Latin-Himmel des Admiralspalastes (noch einmal heute, 20 Uhr). Traumhaftes Vibraphon, gestopfte Trompete, Percussion, subtil pointierte Arrangements, der Meister am coolen Piano. Standards, in Text und Melodie fast original belassen oder runderneuert, Selbstgemachtes im alten Stil. Er singt etwas schmalziger, als das nötig wäre. Sein verdeutschtes „If I had you“ ist dennoch die Krönung. Hier perlt jede Blue-note-Lautmalerei, die uns auf der Liebesirrfahrt durch Meere, Berge, Wüsten begleitet. Als Konzertbesucher sind wir glücklich, wünschen uns nur fort in die Intimität eines Clubs.

Als Berliner dürfen wir meckern. Seiner Moderation fehlen Pointen. Da zieht sich die Show, die keine ist. Den Entertainer, der im kleinen TV-Studio mit Dialogpartner funktioniert, bringt er solo nicht auf die Bretter. Der Titel des Abends, „Engel oder Teufel“, verpufft als Konstrukt. Zwiespältigkeit ist nicht sein Ding. Trotzdem möchten wir mal Alsmann leibhaftig in concert mit Helge erleben – Jazz ohne alles! Westfalen müssen zusammenhalten. Thomas Lackmann

POP

Brooklyn-Trend: Die Girl-Band Telepathe im Picknick

Singen können sie wirklich nicht, Busy Gangnes und Melissa Livaudais von Telepathe. Aber okay, darauf kommt es nicht an. Die beiden It-Girls aus Brooklyn pflegen eine verschrobene, sich verweigernde Anti-Clubmusik. Dabei wird deutlich, dass man sich heute kaum noch in Ruhe verweigern kann, wo die richtige Haltung nicht mehr ist als eine flüchtige Währung in der Aufmerksamkeitsökonomie des globalen Hipstertums. Kaum war das Debütalbum Dance Mother verschickt, versahen es die trendverständigen Gazetten schon mit entsprechenden historischen Verweisen (zum Dream Pop der Cocteau Twins etwa). Zu viel Projektionswut für eine noch zu zarte Pflanze.

Telepathe rufen das Bild zweier stilbewusster, etwas verklemmter Mädchen auf, die sich im Club unschlüssig auf dem Flur rumdrücken und später am Laptop ein paar Soundskizzen basteln. Das Ergebnis ist durchaus charmant, mit dünnen Mädchenchören und kühlen Synthie-Flächen über rumpelnden Marching-Band- Trommeln und zähen Bässen, die sich dehnen wie haftstarker Kaugummi. Jeder Part wie ein letztes Aufraffen. Beim Clubkonzert im Picknick wirken die beiden aber selbst nicht ganz glücklich. Hinten drängeln sie rein und raus, in der Mitte stehen sie rum und vorne werfen drei Jungs ekstatisch die Hände in die Luft, als müssten sie zwanghaft eine Vorstellung von Dabeisein demonstrieren. Schwer zu sagen, was hier geschieht. Oder was geschehen soll. Wäre es jetzt uncool, nach Leidenschaft zu fragen? Kolja Reichert

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