Kultur : KURZ & KRITISCH

Julia Boeck

KUNST

Verweile doch: Manfred Beiers zeithistorische Fotodokumente

Es ist der Blick eines faszinierten Alltagsmenschen, der die nächtliche Leuchtreklame am Ku’damm, das Catcherzelt in der Budapester Straße oder das Automatenrestaurant am Alexanderplatz im Berlin der fünfziger und sechziger Jahre dokumentiert. Hier ist ein Techniker, ein Bürokrat am Werk, dem kein Motiv zu banal erscheint, um es abzulichten, der jede einzelne Aufnahme im Enstehungs- und Entwicklungsprozess penibel systematisiert. Manfred Beier, Lehrer aus Ostberlin und passionierter Fotograf, wäre im April 82 Jahre alt geworden.

Ihm zu Ehren präsentiert das Bundesarchiv in der Galerie Unterwegs nun Ausschnitte aus der Sammlung Beier, die weit über 45 000 Kleinbildnegative, 9000 Kleinbilddias und 37 Filmnotiztagebücher umfasst (Antiquariat und Galerie Unterwegs, Torstr. 93, bis 6. Juni, Di - Fr 15 - 19 Uhr, Sa 12 - 15 Uhr). Die Arbeiten dokumentieren die baugeschichtliche Nachkriegsentwicklung zweier deutscher Staaten und bebildern Orte in Berlin, die man heute oft nur noch aus Erzählungen kennt.

Ein Foto zeigt ein Schulsportfest im Walter-Ulbricht-Stadion vom 23. Juni 1956. Beiers Blick ins Stadion sucht nicht das Großereignis, die Menschenmassen oder den festlichen Ritus. Vielmehr geht es dem Fotografen um die Abbildungsgenauigkeit des Gesehenen, um das Licht, die Farbe, Schärfe und Wahl des Bildausschnittes. Und das dokumentiert er aufwendig mit Angaben zur Aufnahmezeit (14:13,5), zur Kamera (Exa), zum Objektiv (Flektogon 1:2,8/35mm), Preis und Einkaufsdatum des Films (8,45 DM für Agfacolor-Umkehr-Ultra-T-Film). Beiers zeithistorisches Fototagebuch ist archivierte Erinnerung. Julia Boeck

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