Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Jörg W,er

POP

Ambitioniertes Muckertum: 

Lily Allen im Postbahnhof

Normalerweise ist man als Konzertbesucher wenig begeistert, wenn der Protagonist nicht in Bestform ist. Bei Lily Allen wäre man fast enttäuscht, wenn es anders wäre. Am Tag vor ihrem ausverkauften Auftritt im Postbahnhof wurde die Britin 24, und es wäre ja wohl noch schöner, wenn die Hauptvertreterin des partygeilen „New Ladyism“ wegen schnöder Tourverpflichtungen keinen draufmachen dürfte. Zumal man den stimmlichen Substanzverlust kaum bemerkt. Die Stärke von Allens Songs liegt neben melodischer Eingängigkeit in einer „Ihr-könnt- mich-mal“-Haltung, für die sie nicht das Stimmvolumen von Amy Winehouse braucht. Ob sie die vierköpfige Begleitband braucht, sei dahingestellt.

Oft hat man den Eindruck, dass der Flow der Stücke durch deren überambitioniertes Muckertum eher leidet. Am besten ist Lily Allen, wenn die Songs von persönlichen Erfahrungen befeuert sind. So besitzt „It’s not fair“, die saftig groovende Schmähung der sexuellen Inkompetenz männlicher Liebhaber, hohes Identifikationspotenzial unter ihren weiblichen Fans. Als Zugabe bringt sie „Smile“, ihr größter Hit und ein garstiges Nachtreten in Richtung eines Ex-Freundes, garniert mit zuckersüßem Kieksgesang und schunkeligem Ska-Rhythmus. Dem folgt noch eine Ballermann-Version von Britney Spears’ „Womanizer“ – ein Gruß an eine Krawallschwester im Geiste. Am Merchandising-Stand kann man nachher Taschenaschenbecher mit Gravur kaufen. Kaum vorstellbar dass ein unartiges Mädchen wie Lily Allen, die im rauchfreien Postbahnhof natürlich Kette qualmt, so was Albernes benutzen würde. Jörg Wunder

KLASSIK

Wie einst im Mai:

Edita Gruberova in der Staatsoper

Die Königin der dramatischen Koloratur, die Herzensdame der Bayerischen und der Wiener Staatsoper, kommt nach Berlin, um einen klassischen Liederabend zu geben: Edita Gruberova konzentriert sich in der Lindenoper auf die kleine Form, bevor sie im Zugabenteil in ihr Bühnenreich zurückkehrt, frenetisch gefeiert. Es ist 30 Jahre her, dass die slowakische Wundersängerin in Salzburg unter Karl Böhm als Zerbinetta bezauberte, unzählige Donizetti- und Bellini-Gipfel hat sie seither erklommen, keinen Bühnenwahnsinn gescheut und ist doch die Primadonna mit Herz geblieben. So wirkt ihr Auftritt zusammen mit Stephan Matthias Lademann, dem erfahrenen Liedbegleiter aus der Dresdner Schule, beinahe schüchtern, jedenfalls meilenfern von dem einer Diva. Und mit „Nacht und Träume“ eine Schubertgruppe, ja einen Abend zu eröffnen, das heißt Mut. Gruberova intoniert andächtig, ohne eigene Lesart, bis sie „Im Haine“ zwischen Erzählton und Kehlenraffinement ihren persönlichen Ansatz findet. Die Stimme hat sich nun freigesungen, um „An Sylvia“ ihren köstlichen „Saitenklang“ zu senden. Als Mignon und „Gretchen am Spinnrade“ steht Gruberova neben den Rollen der vertrauten Mädchenbilder Goethes, phrasiert aber meisterhaft. Und blickt als „Hirt auf dem Felsen“ mit dem kammermusikalisch glänzenden Klarinettisten Heiner Schindler ins tiefe Tal. Im Zwielicht der Erinnerungen, das Dvoráks Liebeslieder bescheint, ist die Sängerin naturgemäß heimisch. Und mit ungetrübter Höhe wagt sie sich an Strauss. Sie singt „Wie einst im Mai“ mit gemischtem Gefühl. Und sie weiß, dass die „Zueignung“ ihrem Publikum gehört: „Habe Dank“. Sybill Mahlke

COUNTRY

Halbe Kraft: Angela Desveaux

im Admiralspalast

Vor zwei Jahren empfahl sich die junge Kanadierin Angela Desveaux mit dem Debüt-Album „Wandering Eyes“ und einem strahlenden Auftritt im Quasimodo. Damals sang sie lediglich in Begleitung eines Gitarristen. Auf einer Nebenbühne des Admiralspalasts stellt die Songwriterin aus Montreal nun mit kompletter Band ihre neue Platte „Mighty Ship“ vor. Schade, dass nur knapp drei Dutzend Zuhörer den Saal so hallig klingen lassen. Es ist, als sähe man einer Band beim Proben zu. Halbe Kraft, halbe Leidenschaft, halber Ausdruck.

Natürlich macht es keinen Spaß, gegen gähnende Leere anzusingen. Und so hat die sonst so herausragende, ungekünstelte Stimme Mühe, sich durchzusetzen. Dabei zeugen auch die neuen Songs von Desveaux von großem Talent. Auch die Band ist exquisit. Besonders der Gitarrist, der auf einer dicken Gibson-Jazzgitarre geschmackvolle Ornamentierungen und Countrylicks zwischen Desveaux’ Rhythmusgitarrenteppich webt. Und der mit ihr rührende Duette singt. Trotz der Umstände kommen doch noch Herz und Seele ins Spiel. „Mighty Ship“, der Titelsong des neuen Albums, ein Walzer mit dreistimmigem Harmoniegesang, glänzt in bittersüßer Melancholie. Am überzeugendsten bewegt sich Desveaux auf dem Terrain alternativer Countryballaden. „Worried Mind“ mit seinem an Daniel Lanois erinnernden Schwirr-Sound ist der Höhepunkt eines fast tragischen Konzertes. Angela Desveaux hätte mehr Publikum verdient. H. P. Daniels

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