Kultur : KURZ & KRITISCH

Frederik Hanssen

KLASSIK

Echoraum der Seele: „Klangbilder“

in der Gemäldegalerie

Spiritualität ist ein Begriff, der Gernot Rehrl als Chef der Berliner „Rundfunkorchester und -chöre GmbH“ seit langem umtreibt. Nicht um Religion oder Ethik geht es ihm dabei, sondern um Momente des Innehaltens, um den Willen, seinen Geist zu öffnen für Dinge, die mit Worten so schwer zu fassen sind. In seiner Münchner Zeit hatte Rehrl großen Erfolg mit der Kirchenkonzertreihe „Paradisi Gloria“, die geistliche Musik des 20. Jahrhunderts vorstellte. Jetzt hat er die Idee unter dem Titel „Klangbilder“ klug auf die Verhältnisse in der deutschen Atheisten-Hauptstadt übertragen.

Die Wandelhalle der Gemäldegalerie hat eine sakrale Aura: eine dreischiffige Basilika für die Alten Meister mit kreisrunden Himmelslichtern und schlanken Säulen, verborgene Strahler werfen suggestiv ihren Schein teils auf-, teils abwärts. Hier sollen sich künftig Wort, Bild und Musik begegnen. Mag das erste Konzert am Dienstag noch die Züge des Experimentellen tragen, die Erläuterungen zu Hans Baldung Griens 1512 entstandener „Kreuzigung Christi“ (1512), die Gemäldegalerie-Direktor Bernd Lindemann und Pfarrer Christhard-Georg Neubert von der Matthäuskirche im Dialog geben, wirken geistig so anregend, wie die anschließende Verzahnung von alter mit neuer Musik seelisch erhebend: Mitglieder des Deutschen Symphonie-Orchesters umringen vorne die Bajanspielerin Elsbeth Moser und den Solocellisten Mischa Meyer bei Sofia Gubaidulinas „Sieben Worten“, Sänger des RIAS-Kammerchores antworten zwischen den Sätzen von hinten mit Bach-Chorälen. Eine Konzertreihe, die perfekt in die Zeit passt (nächster Termin: 5. Juli, Infos unter www.roc-berlin.de). Frederik Hanssen

ROCK

Seelenwanderung der Klänge: Phantom Band im Bang Bang Club

Es ist natürlich vermessen zu behaupten, man habe die beste Band der Welt gesehen – vor dreißig Leuten. Aber mehr Menschen hatten sich tatsächlich nicht im Bang Bang Club eingefunden, um die schottische Phantom Band bei ihrem ersten Deutschlandkonzert zu sehen (nicht zu verwechseln mit Phantom/Ghost, Phantom der Oper oder Fantomas). Trotzdem: schiefgelaufen ist da nichts, das war schon in Ordnung so, auch wenn es eine Demütigung für die Musiker gewesen sein mag, die von Glasgow angereist kamen, grobkarierte Hemden und Bärte trugen und immer wieder einen Mikrofonständer in drangvoller Enge von der Bühne schubsten. Sie seien, hat Keyboarder Andrew T. Oxford einmal erklärt, „die selbstzerstörerischste, richtungsloseste, negativste Ansammlung streitlustiger Individuen, die es gibt. Die alles vermasseln, was sich vielleicht zu ihrem Vorteil entwickeln könnte“. Whisky gab es aus Pappbechern: beste Voraussetzungen für einen großen Abend.

Der hob an mit einem Stöckchen- und Hölzchen-Beat, bevor sich aus dem mechanischen Geklapper der sechs Musiker eine mächtige Bassfigur und das schrill- zischende Drängen des Schlagzeugs schälte. Darüber erhob sich eine Melodiefigur von mystischer Schönheit, im Chor gesungen. Ein lichtdurchfluteter Kontrapunkt zu der düsteren Stimmung eines Songs wie „Burial Sounds“. Die Schotten sind Untergeher, aber von der hymnischen Sorte. Nachdem sie in Glasgow jahrelang unter ständig wechselnden Namen aufgetreten waren und mit „Checkmate Savage“ ein erstes magisches Album im Studio von Franz Ferdinand eingespielt haben, zerrocken sie jetzt emphatisch ihre feinziselierten rhythmischen Konstrukte. Jedes Stück eine dramaturgische Glanzleistung, ein Trip durch melancholisches Rockterrain: der Rausch einer Musik, die sich in wer weiß wie viel zerredeten Proben gefunden hat. Obwohl sich die mechanische Funkyness von Can hier wiederfindet, die Gitarren wie bei Sonic Youth geschichtet werden und der Keyboarder auch die Kühle einer Depeche-Mode-Nummer zu erzeugen weiß, lebt in allem die Sehnsucht nach Zerreißung fort. So ging es hin und her. Bis es der Whiskys einer zu viel war.Kai Müller

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