Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Sybill MahlkeD

KLASSIK

Brillant, possierlich, feurig:

Petrenko und die Philharmoniker

Es bedeutet viel für einen Dirigenten, wenn er, noch jung an Jahren, die Berliner Philharmoniker nicht nur dirigieren darf, sondern auch noch von ihnen ausgezeichnet wird. Das vertraute, aber seltene Ritual heißt, dass die Musiker im Beifallssturm sich nicht erheben, sondern sitzend Applaus klopfen, um ihre und die Gunst des Publikums für einen besonderen Moment auf den Maestro allein zu konzentrieren. Kirill Petrenko darf sich dieser vom Konzertmeister Guy Braunstein eingeleiteten Huldigung erfreuen. Und das nach einer Interpretation der zweiten Symphonie von Edward Elgar, die er in der Philharmonie zu einem feurigen musikalischen Ereignis gemacht hat (noch einmal heute). Den Pomp der Eingangstakte, den „Spirit of Delight“ entfaltet er ohne Vorbereiten, er springt gleichsam in die Musik hinein. Nach dem ersten Satz sind die Philharmoniker sichtlich amused.

Brillanter Taktschläger mit scharfgeschnittenen Zeichen, possierlicher Tänzer am Pult, hebt Petrenko die freundlichen Aspekte des Werkes hervor. Denn selbst das klagende Larghetto in Mahler-Nähe weiß weniger von dessen Welt der Schmerzen. Nach der Paukenwucht der Orchesterschläge im Scherzo folgt typische Elgar-Romantik.

Und der Dirigent ziseliert und malt mit den Philharmonikern aus, wie die Musik sich auf feine englische Art auf ihre Insel zurückzieht. Eine kleine Elgar-Bewegung scheint derzeit in Berlin möglich. Es ist spannend zu beobachten, in welchen Dimensionen die Karriere Petrenkos nach seiner berühmten und nachwirkenden Ära als Generalmusikdirektor der Komischen Oper weitergeht. Nicht nur in Berlin verfügt der zierliche Maestro inzwischen über eine Fangemeinde.

Dienender Solist, der förmlich in das Orchester hineinkriechen will, ist Lars Vogt. Als Pianist gefeiert und zuständig fürs deutsche Fach, leistet er Virtuosenarbeit im c-Moll-Konzert von Beethoven ohne bestechende Eigenschaften. Dabei strebt sein geläufiges Spiel den Offenbarungen der Orchestersoli nach, denen er lauscht. Sybill Mahlke

MiILITÄRMUSIK

Zackig, kräftig, forsch: Musikkorps der Bundeswehr in der Philharmonie

Wer immer noch glaubt, die Deutschen hätten ihre Faszination für alles Militärische nicht überwunden, der hätte jüngst nur in die Philharmonie zu gehen brauchen: Das Musikkorps der Bundeswehr spielt vor leeren Rängen. Nur Block A ist halbwegs gut gefüllt, aber auch erst nach der Aufforderung (oder des Befehls?) eines Oberstabsfeldwebels an alle Besucher, doch nach unten zu kommen. Das ist schade, denn eigentlich hat das Orchester, das bis auf einen einsamen Kontrabassisten nur aus Bläsern und Schlagwerk besteht, mehr Zuhörer verdient.

Ja, natürlich spielen die Musiker so wie erwartet: zackig, diszipliniert, forsch, kräftig. Ja, der Verkäufer in Dienstuniform am CD-Stand spricht von „befohlenem Einsatz“. Doch während man als Zuhörer über den Zusammenhang von Musik und Macht nachsinnt, merkt man, dass da doch mehr ist als pure Marschrhythmen, die das Denken ausschalten sollen: Ein langsamer Satz aus einer Symphony von Ira Hearshen, der an Gustav Mahler erinnert, ein geglückter Umschlag vom Fortissimo ins Piano, eine überraschend zärtliche Trommel erinnern daran, dass es hier um Kunst geht. Gespielt wird vor allem amerikanische Militärmusik von John Philip Sousa, denn Veranstalter dieses Konzerts sind die Musikfestspiele Saar, die dieses Jahr unter dem Motto „Welcome America“ stehen und mit diesem Ausflug auch in der Hauptstadt bekannter werden wollen.

Oberstleutnant Walter Ratzek ist mit seiner Dreifachrolle als Dirigent, Moderator und Klaviersolist zwar nicht überfordert, aber überfrachtet. Trotzdem: Am Ende kann auch Block A allein dem Musikkorps der Bundeswehr noch ganz schön viel Applaus spenden.Udo Badelt

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