Kultur : KURZ & KRITISCH

POP

Bis auf die Knochen:

Madeleine Peyroux im Postbahnhof

Wie sie sich kleidet ist möglicherweise ein Relikt aus ihrer Zeit als Straßenmusikerin in Paris. Auf die Bühne kommt die Amerikanerin Madeleine Peyroux mit rotem Frack und Reiterinnenhütchen. Sie hängt sich die Martin-Akustikgitarre um, singt: „I don’t want to waste another day ...“ Nein, diesen Abend verschwendet sie nicht, wie vor zwei Jahren, als sie noch derart lampenfiebrig war, dass ihr alles wegschwamm. die Intonation, die Töne, der Ausdruck. Heute ist alles da. Man spürt es im sanften Swing von „Don’t Wait Too Long“. Die samtige Stimmfärbung, die an Billie Holiday erinnert. Und an eine Vorliebe für Ella Fitzgerald und Bessie Smith, die aus ihren vier Alben seit 1996 hervorleuchtet. Lässig pickt Peyroux vertrackte Jazzakkorde aus der Gitarre, dreht sich tänzelnd um zu ihren Mitspielern, die sie umgarnen mit dichten Klängen aus Jazz, Blues, Folk. Exquisit der Tastateur an Fender Rhodes, Hammond B3 und Flügel, ein Gibson-ES 335-Gitarrist zwischen sauberem Bebop und schmutzigem R&B, sowie eine Rhythmusgruppe mit Gespür für verhaltene Brillanz.

„Bare Bones“, der Titelsong des neuen Albums, wird zum Motto des Konzerts: Abgespeckt bis auf die Knochen, bleibt das Mark, die pure Essenz dieser Musik, die immer ein bisschen nach dem großen amerikanischen Songbuch klingt, nach den Vierzigerjahren.Die Musiker rücken eng zusammen zur akustischen „unplugged“-Runde mit Melodica, Mandoline und Pappkarton als Schlagzeug. Chanson und Blues. Dann der umjubelte Überraschungsgast Till Brönner, der zu Hank Williams’ „Weary Blues“ hübsche Ornamente trompetet. Später garniert er noch lässig Leonard Cohens „Dance Me To The End Of Love“. Madeleine Peyroux hinterlässt einen berauschenden Eindruck, „Something Grand“ heißt der hymnische Song zum Schluss. H.P. Daniels

KUNST

Bis ins Bett:

Mart-Stam-Preisträger im Bethanien

Beim Betreten der Ausstellung liegt ein süßlicher Geruch in der Luft. Der Betrachter wird förmlich an Katrin Wegemanns Esstisch gelockt. Dieser sieht befremdlich aus: Ein detailreiches Service steht auf dem Tisch, geformt ist es aus weißer Schokolade. Bis zum letzten Tag der Ausstellung „Raum kann man nicht falten“ schmilzt dieses Ensemble unter 37 Grad Celsius warmem Licht langsam auf die Tischdecke. Wegemanns Beitrag ist zusammen mit Arbeiten drei weiterer Preisträger des Mart-Stam-Förderpreises 2008 der Kunsthochschule Berlin-Weißensee im Kunstraum Kreuzberg / Bethanien zu sehen (Mariannenplatz 2, bis 24. 5., täglich 12-19 Uhr).

Der Umgang mit Raum ist das Thema aller Werke. So spielt Sophia Poméry in ihrer Videoinstallation „Flötenspiel“ die Kawala, eines der ältesten arabischen Instrumente. Während die Künstlerin einen geradezu hypnotischen Laut ausstößt, wächst eine Seifenblase. Deren schimmernde Farbeffekte nehmen ab, während die Spiegelung des Raumes in der Blase immer deutlicher wird. Valentin Hertweck geht es um Interaktion: Sein „Doppelbett“ verbindet zwei Betten, an den Fußenden. Wie bei einer Wippe setzt die Konstruktion perfekte Balance der Benutzer voraus. Andreas Sell hingegen konstruiert Situationen, die kaum als Inszenierungen wahrgenommen werden können. Bei ihm verschwindet der Mensch im Raum. Holger Günther

FILM

Bis zum Horizont:

„Eldorado“ von Bouli Lanners

Das Roadmovie ist ein schönes, einfaches Genre. Eine Figur macht sich zu einer Reise auf. Entlang des Wegs erlebt sie eine Reihe episodenhafter Abenteuer. Irgendwann ist der Film zu Ende. Manchmal findet dabei eine Entwicklung statt: Die Figur hat etwas gelernt über sich und die Welt. An diesem anspruchvollen Pol nähert sich das Genre dem Entwicklungsroman. Manchmal dient der Trip aber auch nur dem Ziel, ein paar spannende, komische, traurige oder skurrile Szenen aneinanderzureihen. An diesem weniger ambitionierten Ende neigt das Roadmovie zum Nummernkabarett.

Der belgische Regisseur Bouli Lanners tendiert in seinem neuen Film zur zweiten Variante: „Eldorado“ ist eine lakonisch erzählte Abfolge kurioser, witziger und tragikomischer Momente, die ohne größere Ansprüche an irgendwelche Erzählbögen präsentiert werden. Schon der Titel weist auf einen Sehnsuchtsort hin: den mythischen Ort des Goldes. Und ein wenig Glanz hätten die Protagonisten durchaus nötig. Der dicke Yvan, gespielt vom Regisseur selbst, verscherbelt amerikanische Karossen. Der dürre Elie (Fabrice Adde) bricht bei ihm ein. So lernen sich die beiden ungewaschenen, unrasierten, ungelenken Kerle kennen. Mit einer eher unplausiblen Begründung werden sie auf die Reise geschickt. In Yvans 79er Chevrolet zuckeln sie unter einem tiefhängenden Himmel durch die belgische Landschaft. In beeindruckenden Breitwand-Bildern ziehen die Felder Walloniens vorüber, untermalt von einem wunderbaren Soundtrack. Das dicht besiedelte Belgien wirkt ziemlich leergeräumt, bevölkert nur von Gestalten aus dem Kuriositätenkabinett: ein Hellseher zum Beispiel oder ein Nudistencamper, der Alain Delon heißt.

Dass die beiden Glücksritter Yvan und Elie nicht zur intellektuellen Oberschicht sondern zum IQ-Subproletariat gehören, versteht sich von selbst. Sie bilden ein typisches odd couple, das nach dem Prinzip des komischen Kontrasts zusammengestellt ist. Einmal sitzen sie sturzbetrunken im Auto. Yvan hat Angst, während der Fahrt einzuschlafen. Elie rät ihm, die Haare mit Klebeband an der Decke des Autos zu befestigen, weil beim Wegsacken sofort ein ziepender Schmerz spürbar würde. Eine grandiose Idee, die natürlich Knall auf Fall danebengeht (Hackesche Höfe (OmU), International, Neue Kant Kinos, Yorck). Julian Hanich

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