Kultur : KURZ & KRITISCH

Carsten Niemann

MUSIKTHEATER

Für Stehvermögende: „Batsheba“

im Magazin der Staatsoper

Es ist eine der fiesesten Geschichten der Bibel: David begehrt Batsheba, die Frau des Hethiters Uria und schwängert sie, während sein treuer Untergebener aus Solidarität mit den gerade im Felde liegenden Soldaten noch nicht einmal das eigene Haus betritt. Als David davon erfährt, schickt er Uria mit folgendem Brief zum Feldherrn: „Stellt Uria an vorderster Front, und kehrt euch hinter ihm ab, dass er erschlagen werde.“

Manos Tsangaris Oper „batsheba. eat the history!“, uraufgeführt am Donnerstag im Magazin der Staatsoper, ist der Versuch, gegen die geradlinige Schlagkraft dieser Geschichte anzuerzählen (wieder am 16. und 17. Mai). Die Zuschauer werden an verschiedene Spielorte geführt, wo man die Protagonisten bei der Maniküre oder beim Video-Gaffen antrifft; nach einer Pause finden sich alle an einem Tisch zum Showdown zusammen.

Tsangaris, der auch für Libretto und Regie verantwortlich zeichnet, bietet zwar hübsche Effekte in kontrapunktischer Linienführung und räumlicher Klangdisposition; letztlich erschöpft sich die Produktion jedoch im Aneinanderreihen von assoziativen Posen. Besonders ärgerlich ist es, dass Tsangaris aus Furcht vor der Konvention das große schauspielerisch-sängerische Doppeltalent von Julia Rempe (Bathsheba) und vor allem von Daniel Kirch (David) kaum entfaltet. Immerhin gelingt es der Produktion mit den zusammengenommen anderthalb Stunden Wartezeit, die sie dem Publikum für das kurze Stück zumutet, dem Begriff des Rumstehtheaters eine völlig neue Dimension zu erschließen. Carsten Niemann

KLASSIK

Balanceakt: Haydn und Beethoven

mit dem Freiburger Barockorchester

Mit einem Monat Verspätung spielt das Freiburger Barockorchester Joseph Haydns „Sieben letzte Worte unseres Erlösers am Kreuze“ im Kammermusiksaal der Philharmonie. Die sieben Meditationen über den Tod Christi haben naturgemäß einen eher einheitlichen und eher getragenen Charakter. Zwar blitzen unter dem Konzertmeister und Dirigenten Gottfried von der Goltz immer wieder die kompositorischen Feinheiten auf, doch insgesamt bleibt der Eindruck blass, der Charakter der Einzelteile zu undifferenziert, um nachwirken zu können. In der abschließenden Darstellung des Erdbebens raffen sich die Musiker immerhin zu einem drastischen Ausbruch auf.

Mit Beethovens 2. Symphonie schreiten nun auch die Freiburger mutig voran in die größer besetzte Orchesterliteratur des 19. Jahrhunderts. Kontrabässe und Celli trumpfen aus der Mitte mächtig auf, und die kräftigen Bläser machen den wenigen Geigen schwer zu schaffen. So will die Balance zwischen den Gruppen nicht recht funktionieren. Wer die Einwürfe der hohen Streicher erkennen wollte, musste schon ganz genau hinhören. Warum die Klarinettisten überhaupt aus Freiburg angereist waren, blieb vollkommen unerfindlich. Auch hier erweist sich Gottfried von der Goltz nicht eben als visionärer Orchesterleiter, sondern eher als versierter Koordinator. Virtuosität, Spielfreude und Flexibilität des Freiburger Barockorchesters stehen ohnehin außer Frage, allerdings setzen die Musiker seit einiger Zeit auf das Allzweckrepertoire einer musikalischen Pauschalrhetorik, die immer irgendwie passt. Das ist effizient und unterhaltsam. Besonders aufregend ist es jedoch nicht. Uwe Friedrich

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben