Kultur : KURZ & KRITISCH

Christine Lemke-Matwey

KLASSIK

Sittengemälde des Glaubens:

Seiji Ozawa dirigiert den „Elias“

Im Vergleich zum „Paulus“ gilt Mendelssohns Oratorium „Elias“ als dramatisches, herbes Spätwerk, eine rechte „Oper im Kirchengewand“ (40 Jahre vor Verdis Requiem!). Scharfe Lichtwechsel zwischen Arien, Ensembles und Chören, ausgefeilte Rede und Gegenrede, spannungsgeladene Situationen – all dies steht zudem in der Tradition Georg Friedrich Händels. Das heißt: Die Beschränkung auf das alttestamentarische Bibelwort gestattet keine weitere Ausschmückung oder Vertiefung, keinen Erzähler, keine Choräle. Die Geschichte des Propheten Elias als Sittengemälde des Glaubens, als Bekenntnis des Komponisten auch und vor allem zu seinen jüdischen Wurzeln.

Was Seiji Ozawa an diesem komplexen Werk interessiert, wird immer dann klar, wenn der ganze Apparat agiert: die Philharmoniker in großer Besetzung (mit zahlreichen Aushilfen an den Pulten), der hingebungsvoll deklamierende Rundfunkchor, die zehnköpfige Solistenschar. Es ist – anders als bei Originalklangpraktikern wie Frieder Bernius oder Philippe Herreweghe – das sanfte Changieren der Farben, es sind die gleichsam aquarellistisch fließenden Übergänge. Hier sucht Ozawa nach dem Romantiker Mendelssohn Bartholdy, dem Ausdrucksmusiker, und wird fündig. In den sensibel ausgeleuchteten A-cappella-Quartetten, in Chören wie „Baal, erhöre uns!“ oder „Fürchte dich nicht“, die ein unerbittlicher innerer Motor treibt. Matthias Goernes Elias hat viel emphatisches Liedertimbre, Annette Dasch wirkt in den Sopran-Arien etwas angestrengt, Nathalie Stutzmann im Alt singt von Seele und vom Sich-Sehnen (noch mal heute, 20 Uhr). Christine Lemke-Matwey

PUNKROCK

Hits für Berufsjugendliche:

Art Brut im Lido

„Punk Rock ist nicht tot“, krakeelt Eddie Argos in „St. Pauli“, einem der zentralen Songs von Art Brut. Vielleicht macht Punk aber einen dicken Bauch, denn Argos’ Plautze scheint bei jeder Tour etwas voluminöser zu werden. Der 29-jährige Berufsjugendliche ist im Lido bester Laune und ergeht sich in weitschweifigen Erläuterungen, die direkt in das Turbo-Geschredder seiner vier Begleiter übergehen. Art Brut waren vor ein paar Jahren eine außergewöhnliche Band, weil sie ihren Status als Teil der Popkultur in ihren Liedern thematisierten. Heraus kam aufregender Meta-Britpop, der vom Gründen einer Rockgruppe („Formed a Band“) oder der musikalischen Initiation des kleinen Bruders („My little Brother“) handelt.

Leider haben sich Art Brut musikalisch festgefahren. Argos’ Reflexionen über „DC Comics and Chocolate Milkshake“ wären interessanter, wenn nicht stets der gleiche Gitarrenrock-Brei dazu erklingen würde. Und sein Genöle über die Armseligkeit gewisser Indies –Superstars-Killers und Kings Of Leon kriegen ihr Fett ab – ist zwar berechtigt, wird aber durch die stumpfen Riffs von „Slap Dash for no Cash“ der ironischen Schärfe beraubt. Dabei ist es nicht Unvermögen, das Art Brut von differenzierteren Strukturen abhält. Eher sind sie wirklich Punks: Das Gepose der beiden Gitarristen und die stoische Stehnummer des Drummers deuten darauf hin. Immerhin, die alten Hits zünden noch, die Band rockt energetisch. Das Publikum hat beim Toben seinen Spaß, strömt nach 75 Minuten aber klaglos dem Ausgang entgegen. Jörg Wunder

KUNST

Bruderkuss: Zeitgenössisches

aus Russland im Auswärtigen Amt

Menschen, die schweben. Die Arme gestreckt, als wollten sie in etwas eintauchen, die Körper gewunden, als würden sie schlafend dahingleiten, die Beine gewinkelt, als tanzten sie. Auf transparenten Stoffen entschweben „Die Fliegenden“ von Marina Gertsovskaya Zeit und Raum. Und stehen symbolisch für zwölf russische Künstler, die in der sozialistischen Sowjetunion geboren sind, heute aber überwiegend in Deutschland leben („Born in the USSR“ im Lichthof des Auswärtigen Amts, Werderscher Markt 1, bis 19. Mai, So 10.30 – 18.30 Uhr, Mo u.Di 10 – 20 Uhr). Halbnackte Russen, die eisbaden gehen, eine wandgroße Stickerei, auf der eine Bäuerin in folkloristischer Tracht mit Sichel in der Hand vor einem reifen Ährenfeld steht, der berühmte Bruderkuss Breschnews und Honeckers: einige der Arbeiten umkreisen thematisch das sozialistische Erbe, andere nicht.

Andrej Barovs Arbeit „Beauty Matrix Operation“ zeigt sechs Stereolithographien von Idealköpfen, die sich nach den Standards amerikanischer Schönheitschirurgie in ein zeitgenössisches Götzenbild verwandeln. Nummer sieben, das perfekt modellierte Gesicht ist aus reinem Gold, echt russisch eben. Genia Chef zeigt in einer Installation seinen persönlichen Tempel. Tritt man hinein, fällt der Blick auf eine Schere, eine Spinne, einen Teebeutel, ein Mobiltelefon. Die Ölbildminiaturen zeigen Genia Chefs wissenschaftliche, ästhetische und gesellschaftliche Seite, der Tempel, ein schwarzes Zelt, das Haus des Nomaden. Losgelöst von Zeit und Raum. Julia Boeck

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