Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Daniel Wixforth

KLASSIK

Mit Nachhall: Janowski und das RSB spielen Haydn im Schlüterhof

Vor Haydn kommt erst noch ein bisschen Krise. Zum vierten Mal veranstaltet das Rundfunk Sinfonieorchester Berlin nun die Schlüterhofkonzerte im Deutschen Historischen Museum und weil das Minifestival (noch heute und Sonntag, jeweils 19 Uhr) von der Berliner Volksbank unterstützt wird, muss natürlich darauf hingewiesen werden, dass Kulturförderung in diesen Zeiten zwar bitter nötig, aber keinesfalls selbstverständlich ist. Immerhin, die Musik kann den Alltag dann eine Zeit lang aussperren. Die während der frühen Esterházy-Zeit entstandenen Haydn-Sinfonien Nr. 6 und 8 geht das RSB feinsinnig an. Ohne dem Ausdrucksideal einer frühklassischen Strenge zu sehr anheimzufallen, fordert Marek Janowski doch viel Transparenz und Contenance. Das zeigt sich im 2. Satz der sechsten Sinfonie, wenn zwischen den ersten Streicherpulten kammermusikalisch-filigrane Interaktion stattfindet und auch im Allegro der Achten, wenn das Orchester die Beschwingtheit des 3/8-Takts unterschwellig immer wieder ausbremst. Annette Dasch singt „Berenice, che fai“ und „Chi vive amante“, gänsehautweich timbriert, enorm facettenreich vorgetragen. Doch was Janowski und das RSB den Abend über an Fingerspitzengefühl für Haydn entwickeln, verschwimmt ständig in der katastrophalen Hall-Akustik des Schlüterhofs. So muss man die orchestralen Qualitäten, besonders die der Holzbläser leider zu oft erahnen. Daniel Wixforth

KLASSIK

Subtil: Hommage der Berliner Philharmoniker an Claudio Abbado

Ein schönes, wenn auch etwas verspätetes Geschenk haben sich die Philharmoniker für ihren ehemaligen Chef ausgedacht: Zu seinem 75. hat man sechs mit Claudio Abbado befreundete Komponisten gebeten, ein Werk für ihn zu schreiben. Im Kammersaal der Philharmonie findet sich viel Prominenz ein, um dem Scharoun Ensemble, der Orchester-Akademie und vielen anderen Musikern der Philharmoniker bei den Uraufführungen zu lauschen. Dass György Kurtág und Marco Stroppa mit ihren Stücken nicht rechtzeitig fertig wurden, ist der kleinere Wermutstropfen des Abends, denn bedauerlicherweise ist Abbado selbst aus gesundheitlichen Gründen nicht anwesend. Werke für acht Hörner (Brett Dean) oder sechs Kontrabässe (Jörg Widmann) faszinieren schon mit ihrer ganz eigenen monochromen Klanglichkeit. Beeindruckend farbig, fast knallig hingegen „celestial object I“ für Trompete und großes Ensemble von Matthias Pintscher, der auch dirigiert: Ihm gelingt das temperamentvollste Stück des Abends. Zum Höhepunkt wird „Mnemosyne“ für Sopran und Ensemble nach einem Hymnenfragment Hölderlins von Wolfgang Rihm. Ohne Effekte, ohne aufgesetzten Ausdruckswillen gelingt Rihm ein schlichtes, von Anna Prohaska betörend schön gesungenes Werk voller fein ausgehörter Harmonik und subtil kontrapunktischer Linien. Mag es Claudio Abbado wohltun und ihn befähigen, seine drei Auftritte mit den Philharmonikern an diesem Wochenende zu meistern. Ulrich Pollmann

ROCK

Geisterstunde mit Altstar:

Evan Dando im Bang Bang Club

Evan Dando kommt zu spät. Huschhusch wird er durch eine Hintertür „backstage“ geschleust. Dann passiert erst mal nichts. In der kleinen schwarzen Höhle des Bang Bang Clubs wird es immer enger und heißer. Jemand sagt, Dando sei, was Drogenexzesse angeht, der Pete Doherty der Neunziger: kreativ und unberechenbar. Damals war Dando als Sänger, Gitarrist und Songschreiber der Lemonheads mit melodiösem Gitarrenlärm zum Teenie-Liebling geworden. Bis ihn die Drogen fast umgebracht hätten, er 1996 die Band auflöste, für viele Jahre im Dunkeln verschwand, plötzlich wieder auftauchte und 2006 mit einem Comeback der Lemonheads überraschte. Jetzt ist er 39 und auf Promo-Tour für das neue Album „Varshons“, eine Sammlung von Coverversionen, die im Juni erscheint. Stürmisches Getöse der Fans, als ein Schatten auf die Bühne huscht. Plötzlich sieht man ihn nicht mehr. Wo ist er? Da kommt von unten ein Kopf hoch. Ein Gesicht ist kaum zu erkennen, nur die schwer ramponierte Gibson-Akustikgitarre, die aussieht wie eine fledderige Pinnwand, beklebt mit Familienfotos. Dando schrammelt und schrubbelt und singt „Down About It“. Und gleich hinterher „The Outdoor Type“, das Gesicht gelegentlich geisterhaft angeleuchtet von Handykameras aus dem Publikum. Der nächste Song und noch einer, hintereinander weg, ohne Kommentar runtergeschrubbt. Nach einer guten Stunde sind es 28 Songs, die meisten von „It’s A Shame About Ray“ (1992), dem besten und erfolgreichsten Album der Lemonheads. Und schon ist Dando weg. Aber war er eigentlich richtig da? H. P. Daniels

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