Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

André Weikard

KUNST

Selbstgespräche: Die Akademie

der Künste und ihre Stipendiaten

Junge Akademie 2008 heißt die Ausstellung, in der die Berliner Akademie der Künste ihren Nachwuchs vorstellt (Pariser Platz 4, bis 14. 6.; Di-Do 16-20 Uhr). Schon im Foyer begegnet der Besucher einem Ungetüm. Auf einer Keramikbadewanne steht ein geöffneter Kühlschrank. Drumherum allerlei Gerätschaften und Schläuche. In zwei Kreisläufen, warm und kalt, zirkuliert Wasser. Die dumpf-blubbernden Geräusche werden über Lautsprecher verstärkt. Das hier ist kein kausales System, hier wird kein Korn gemahlen, weil Wasser über Räder läuft. „Nautik“ von Marcus Michael Käubler ist eine undurchschaubare Apparatur, die seltsam belebt wirkt und mit ihrem Grummeln den Eindruck erweckt, sie führe Selbstgespräche.

Die sind auch nebenan noch zu hören, wo Pepa Hristova mit der Kamera ihre „Sworn Virgins“ porträtiert, Frauen aus dem Norden Albaniens, die zu Männern wurden. Das Kanun, eine mündlich tradierte Gesetzessammlung aus dem Mittelalter, sieht bis heute die Möglichkeit vor, dem Frau-Sein abzuschwören. Der Preis: ewige Jungfräulichkeit. Auf den Fotografien posieren die biologischen Frauen in Männerkleidung und Macho-Pose. Der Betrachter sucht unwillkürlich nach Anzeichen, ob sich ihre Züge verhärtet, ihre Statur auch ohne Hormon-Doping der lebenslangen Rolle angeglichen hat.

Ganz andere Details lassen sich auf den Bildern von Eva Teppe ausmachen. Die Großstadtvoyeurin, die schon liegende Menschen im Central Park fotografierte, hat sich diesmal mit der Kamera Tokioter Nachtschwärmern genähert, die auf der Straße eingeschlafen sind, Daumen lutschend, breitbeinig, sitzend. Wer sich davon überzeugen will, wie groß das Spektrum der Nachwuchs-Kunst ist – von der Fotodokumentation bis zu abstrakten und futuristischen Arbeiten –, der hat in diesem Monat der Stipendiaten Gelegenheit dazu. André Weikard

DESIGN

Schöner Kochen: „Klare Sachen“

im Finnland-Institut

Wer sagt eigentlich, dass modernes Design ungemütlich wäre? Mit ihrem Schaukelstuhl „Grasshopper“ beweist die finnische Designerin Päivi Mikola jedenfalls das Gegenteil. Die Formen ihres auf einer Dreieckskonstruktion basierenden Stuhls aus hellem Birkenholz könnten nicht schlichter sein. Doch kaum hat man sich auf ihm niedergelassen und schwingt sanft vor und zurück, fühlt man sich wunderbar aufgehoben. So lässt es sich trefflich über die Sinnlichkeit der einfachen Dinge nachdenken.

Möglich ist das in der Ausstellung „Klare Sachen“ im Finnland-Institut (Georgenstr. 24, bis 30. Juni). Sechs Designerinnen präsentieren dort ihre Arbeiten, die an der Schnittstelle zwischen Kunst- und Gebrauchsgegenständen angesiedelt sind. Leitthemen sind die Inspiration durch die Natur – und die Leidenschaft für einfache Formen. Etwa bei Eija Nevalas wunderbar luftigen Stoffen, die die kleine Ausstellung hinterfangen: Die Lindenblüten sind über die Stoffbahnen verteilt, als habe der Wind sie dorthingeweht. Weitaus handfester sind die Küchen- und Schreibtischprodukte aus Holz der Design-Firma Oipuu. Doch auch sie weisen Ungewöhnlichkeiten auf wie etwa die Schale, deren Form sich aus dünnen, zugeschnittenen Holzscheiben zusammenfügt, die im Zentimeterabstand nebeneinander gesetzt sind. Einfach anders sind dagegen die Objekte von Moosa Myllykangas: Ihr „Auge“ aus einem rostigen Zahnrad und einem Netzwerk aus recycelten Aluminiumelementen wacht aufmerksam über den Schaukelstuhl.Jürgen Tietz

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