Kultur : KURZ & KRITISCH

H. P. DanielsD

POP

Schweres Gemesser:

Gemma Ray im Café Zapata

Vor wenigen Monaten ist Gemma Ray im Café Zapata aufgetreten und hat der amerikanischen Band Son Ambulance die Show gestohlen. Rumgesprochen zu haben scheint sich das nicht. Übersichtlich sitzt das Publikum im kleinen Zuschauerraum, als die junge Engländerin ans Mikro tritt. Sie singt eine A-cappella-Strophe, bevor die Band dazukracht mit schwerem Klanggewitter. Gitarrist mit Gretsch-Solid- Body-Gitarre, Drummer mit Minimal Kit, Bassist und eine zweite Sängerin neben Gemma. Plötzlich verebbt der Gitarrenlärm zu einem Moment der Stille. Luftholen. Aufdrehen. Kostproben vom Album „Lights Out Zoltar!“, das im Juni erscheint. Und dunkle Lieder vom Vorgänger „The Leader“, entstanden unter dem Einfluss bedüselnder Medikamente wegen einer mysteriösen Krankheit.

Eine englische Musikzeitschrift nannte Gemma Ray eine „Norah Jones auf den Drogen von Amy Winehouse“. Unsinn. Mit Winehouse verbindet sie höchstens eine Vorliebe für den Sound von Motown. Deutlich zu hören im neuen Song „100 mph“, dessen Refrain Erinnerungen weckt an den alten Supremes-Hit „Stop In The Name Of Love“. Dann düsteres Surf-Gitarren-Getwängel, geklöppelte Drums und mit einem Messer von den Saiten geschabte Klangspäne. Immer wieder schweres Gemesser. Bis Gemma den Dolch in den Bühnenboden rammt und den Verstärker mit Rückkoppelungskreischen zurücklässt. H. P. Daniels

KLASSIK

Glaubenskrise: Mendelssohns „Elias“ in der Philharmonie

Viel lässt sich über die Intentionen von Mendelssohns „Elias“ spekulieren: eine Rückbesinnung auf den jüdischen Glauben als Kontrast zum „Paulus“? Ein ins religiöse Gewand gehüllter politischer Kommentar zur Restaurationszeit? Oder steht am Ende doch die Musik mit ihren dramatischen Ausdruckskontrasten im Vordergrund? In der Philharmonie bekommt man keine dieser Deutungen aufs Ohr gedrückt. Vielmehr üben sich das Konzerthausorchester und der Philharmonische Chor unter der Leitung von Jörg-Peter Weigle in interpretatorischem Understatement. Nicht dass es hier keine aufgewühlten Seelen, keine musikalischen Glaubenskrisen gäbe. Es gibt sie: etwa, wenn der Chor kurz vor der Pause in gläsern-sakralem Duktus den Gott Israels anfleht, endlich die Dürreperiode zu beenden. Oder wenn Weigle das Orchester im Chor „Der Herr ging vorüber“ feinsinnig durch agogische Wechselbäder treibt.

Nur will der Eindruck einer werkumspannenden Idee bei all dem nicht aufkommen. Dazu klingt vor allem das Orchester zu gleichgültig im Ausdruck und nimmt gegen Ende auch dynamisch zu wenig Rücksicht auf den um Verständlichkeit kämpfenden Chor. Bei Thomas Quasthoff dagegen sind die Einsätze deklamatorisch immer durchdacht. Sein Elias ist inhaltlich und stilistisch identitätsstiftend, und so wird die mit Resignation durchtränkte Arie „Es ist genug!“ – im Wechselspiel mit einer weinenden Cello-Gruppe – zum Höhepunkt der Aufführung. Daneben sticht aus dem Solistenquartett auch der engelsgleich-transparente Alt von Sandra Fechner hervor. Daniel Wixforth

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