Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Jörg W,er

POP

Hypnotisch:

Jimi Tenor im Lido

Der Finne Jimi Tenor war Mitte der Neunziger so etwas wie der Prince des hohen Nordens: ein nervöses Multitalent, das minimalistische Electropop-Smasher wie „Take me Baby“ formte. Bald entdeckte der spillerige Blondschopf seine Vorliebe für Fusion-Jazz, P-Funk und Hippie-Gedaddel, was er zu schwer verkäuflichem Insider-Gebräu verrührte. Seit ein paar Jahren hat er sich afrikanischen Klängen verschrieben und mit seiner Begleitband Kabu Kabu bereits vier Platten veröffentlicht. Allerdings weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit, worauf das schütter gefüllte Lido hindeutet. Schade, denn Tenors Auftritt ist äußerst bizarr. Mit Riesenhornbrille und bodenlangem Glitzerumhang gibt er optisch eine Synthese aus Helge Schneider und dem durchgeknallten Jazz-Bandleader Sun Ra. Im Klangdschungel der sieben Musiker bleibt Tenor für Schräges zuständig, überbläst Saxofon und Querflöte, misshandelt sein Umhänge-Keyboard oder improvisiert Lautmalerisches mit körperloser Fistelstimme.

Angetrieben durch polyrhythmisches Sperrfeuer, entwickeln die überlangen Stücke einen hypnotischen Sog, der fast zwei Stunden anhält. Doch das ewige Mäandern hat seinen Preis: Es fehlt die Eingängigkeit westlicher Popmusik, was besonders bei dem Hit deutlich wird, den Tenor seinen Fans gönnt. „Sugardaddy“, ein Synthie-Kracher aus dem Jahr 1997, brennt sich mit repetitivem Refrain sofort ins Hirn und gewinnt durch die Afrofizierung an Komplexität. Mit dieser Band im Rücken sollte sich Jimi Tenor öfter trauen, die Schätze seiner Vergangenheit zu heben. Jörg Wunder

KUNST

Illuminiert: Kirchenfotografie

in der Guardini Galerie

Weniger die Dokumentation von Kirchenbauten als vielmehr die Präsentation verschiedener Interieurs liegt dem Fotografen Wilmar Koenig am Herzen. Zudem interessierte ihn die Wirkung des Lichts beim Eintreten in die Gotteshäuser. Sie steht im Vordergrund seiner Ausstellung in der Guardini Galerie (Askanischer Platz 4, bis 3. Juli; Di–Fr 14–19 Uhr). So wird der Blick des Betrachters zunächst von den hellen Innenräumen christlicher Kirchen in Deutschland angezogen, bei denen der Altar in höchstem Maße illuminiert wirkt. Wenig später zieht ihn die flirrende, prächtig bunte Lichtwelt einer iranischen Moschee in den Bann: hell, gebrochen, gespiegelt verschwimmt alles vor den Augen fast zu Pixeln.

Wilmar Koenig gehört zu den Gründern der legendären „Werkstatt für Fotografie“ in Kreuzberg. Der Berliner galt bereits in den siebziger Jahren als ein Vorreiter künstlerischer Farbfotografie. Gemeinsam mit dem amerikanischen Fotografen William Eggleston unternahm er ausgedehnte Reisen. Neben Porträtfotos und der Dokumentation von Wohn- und Lebensräumen interessierte sich der heute 57-Jährige zunehmend auch für Gotteshäuser. Die nun ausgestellten Aufnahmen bestechen durch ihre Lichtdramaturgie: Koenig experimentierte mit langen Belichtungszeiten, um die strahlende Wirkung der Innenräume einzufangen. Mit den großformatigen Aufnahmen vermittelt er eindrucksvoll die Erhabenheit der Sakralbauten. Seine Bilder sind zugleich eine Verbeugung vor der Leistung der größtenteils anonymen Architekten. Holger Günther

KLASSIK

Jazzig: Die Bläser der Philharmoniker im Kammermusiksaal

„Out Of Black Dust“ nennt Mark-Anthony Turnage sein neuestes Werk, das im Kammersaal vom Blechbläserensemble der Philharmoniker uraufgeführt wird. Was der 1960 geborene Engländer da verfasst hat, ist reinstes Crossover. Turnage vermischt Blues- und Jazzelemente gekonnt mit der Neuen Musik entlehnten Klängen. Vor allem der formale Aufbau des Stücks – aus dem Geklingel von Kuhglocken erhebt sich allmählich ein Bläsersatz – erweist sich als tragfähige Grundlage für fein schattierte Bluesintonationen und jazzige Rhythmen.

So kann das 12-köpfige Ensemble unter der Leitung von Michael Hasel sich hier in klanglicher Plastizität und Farbigkeit zu Gehör bringen. Die feierlichen Bläserarrangements von Barockwerken Händels und Pergolesis, mit denen das Konzert begann, sind da schnell vergessen. Ebenso die als Posaunenquartett dargebotenen Sätze von John Dowland, denen es an der entspannt-intimen Aura englischer Renaissancemusik mangelt. Toll arrangiert in kunstvoll verkantete Rhythmusgruppen, gerät Gershwins „I got Rhythm“ schließlich zum Höhepunkt des Abends. Schade, dass sich im Programm kein Platz für ein reinrassiges Stück Neuer Musik fand. Dass die Bläser der Philharmoniker zu perfektem Zusammenspiel und lupenreiner Intonation quasi von Amts wegen verpflichtet sind und dem auch an diesem Abend nachkommen, sei nur der Vollständigkeit halber erwähnt. Ulrich Pollmann

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