Kultur : KURZ & KRITISCH

Carsten Niemann

KLASSIK

Sollbruchstellen: Metzmacher und das DSO in der Philharmonie

Zum Thema „Aufbruch und Abschied“ hätten Ingo Metzmacher und das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin eigentlich viel zu erzählen – zum einen steht die Saison unter dem Motto „Aufbruch 1909“, zum anderen überraschte der Chefdirigent mit der Entscheidung, seinen Vertrag nicht über die Spielzeit 2009/10 zu verlängern. Man durfte also hoffen, dass sich ein wenig von dieser Impulsivität auch in die Kunst ergießen würde. Zumal dann, wenn man sich daran erinnerte, dass Gustav Mahlers „Lied von der Erde“ und Arnold Schönbergs Monodrama „Erwartung“ nichts anderes waren als die künstlerisch übersteigerte Gestaltung krisenhafter Abschiede.

Doch angesichts dieser Tatsache wirkt die Interpretation der beiden Werke geradezu schmallippig. Metzmacher dirigiert mit großen, klaren Schlagbewegungen, denen kein Taktteil entgeht, und erhält dafür einen wunderbar klaren und transparenten Klang. Was die Musiker den Werken in der Philharmonie schuldig bleiben, das spürt man im Gesang von Angela Denoke und Christianne Stotijn: Was die beiden an emotionalen Klangfärbungen einbringen sowie auch in Gestik und Mimik an ganzheitlicher Kommunikationsbereitschaft zeigen, das greifen Dirigent und Orchester so gut wie nie mit der gleichen Intensität auf. Und so scheitert auf hohem Niveau ein Abend, dem paradoxerweise der Mut zum Aufbruch fehlt. Carsten Niemann

KLASSIK

Kraftvoll zubeißen: Ein Haydn-Abend der Deutschen Kammerphilharmonie

In dieser Woche erreichen die Haydn-Feierlichkeiten ihren Höhepunkt. Dabei soll der Jubilar auf keinen Fall alt aussehen. Gegen das einschläfernde Image vom „Papa Haydn“ wird mit aller Kraft angespielt, hinweginszeniert und drum herum gesampelt. Beim Konzert der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen im nur schütter besuchten Konzerthaus tritt Haydn selbst in weißen Strümpfen auf. Unter der Perücke steckt Ex-Tatort-Kommissar Charles Brauer, der sich redlich bemüht, nicht nach Klassik-Onkel zu klingen. Vielmehr entwickelt sich durch Haydns Briefe und Tagebucheinträge sowie Hinzudichtungen das Bild eines weltgewandten Berufsmusikers, der gerne gut isst und sich über seine gewaltigen Einnahmen in London freut. Ein gereifter Herr, der Wert darauf legt, mit Mozart über Tisch und Bänke gesprungen zu sein, und sich als diskreter Liebhaber von Frauenreizen zu erkennen gibt. Ein Künstler, der den goldenen Boden seines Handwerks nie aus den Augen gelassen hat. Und wie klingt dieser Haydn? Die wunderbar agilen Musiker der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen spielen unter Trevor Pinnock Extrakte aus Sinfonien, Opern, Kirchen- und Kammermusik des Jubilars. Alles klingt knackig und frisch, wie ein rotbäckiger Apfel. Mit Fortdauer des überlangen Abends jedoch ist es gerade dieser aufgekratzte Impetus, der leicht ermüdet. Haydn, das ahnt man, konnte noch ganz andere Strippen ziehen. Nach dem Jubiläum hören wir weiter. Ulrich Amling

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben