Kultur : KURZ & KRITISCH

Isabel Herzfeld

NEUE MUSIK

Im Übermorgenland: „Into Dubai“ mit dem Ensemble Modern

Wie komponiert man eine Stadt? Vier mal vier Kompositionsaufträge hat das Ensemble Modern zusammen mit dem Siemens Art Program vergeben, um sich der Faszination und Bedrohlichkeit heutiger Menschenansiedlungen auch musikalisch anzunähern. Nach Istanbul und Johannesburg gingen die Musiker unter der umsichtigen Leitung von Franck Ollu im Konzerthaus nun „into Dubai”, in die Wüstenstadt am Persischen Golf, die futuristisch-luxuriöse Megalopolis der Arabischen Emirate.

Unter den vier Uraufführungen trifft Márton Illés am ehesten den Ton mitreißender, zugleich erschöpfender Energie und betreibt behutsame Freilegung einer fremden Kultur: Seine „Scène polidimensional. XVI“ wählt Körök (ungarisch: Kreise) als Zentralfigur, schießt immer wieder feurige Kreisel von Streicher-, Bläser- oder Klaviertönen ab, die manchmal auch zischend in die Erde fahren und dort in Leuchtpunkte zerbröckeln. Über zarten Haltetönen nehmen sie zum Schluss die Gestalt „orientalisch“ anmutender Girlanden an.

Jörg Widmann versichert sich in seinen „Dubairischen Tänzen“ handwerklich gekonnt, mit krachledern-ironischer Attitüde eher der eigenen Ursprünge. Muss man sich dafür im „Übermorgenland“ aufhalten? Markus Hechtle liefert mit endlosen Schichtungen dürr klickender Klangholz-Dialoge immerhin eine plausible Wüstenskizze, die dann in kurzem heftigen Instrumentalklang aufbricht. Eher beliebig stellt Vykintas Baltakas das kulturelle Spannungsfeld dar: Elektronisch verfremdete Motorengeräusche und Sprachengewirr vom Band, dazu stellenweise zweifellos delikate Klangflächen und ein paar arabische Geigen-Girlanden ergeben einen recht langwierigen „Lift to Dubai“. Isabel Herzfeld

KUNST

„Albtraumhelden“: Plastiken

in der Galerie am Körnerpark

Ein Kürzel, zwei Künstler: JKM. Das sind Jürgen Krebber und Karin Michaelis. Ein Duo, kein Paar, wie Christoph Tannert, Leiter des Kunsthauses Bethanien, klarstellt. Man hätte anderes vermutet, wenn man sich ihre Skulpturen anschaut. Lebensgroße Figuren, Händchen haltend auf einem Sprungbrett. Die Gesichtszüge sind unübersehbar die der Künstler.

„Albtraumhelden“ heißt die Ausstellung in der Galerie im Körnerpark (bis 28.6., Schierker Str. 8, Di-So 10-18 Uhr). Die Helden ihrer Albträume sind die Künstler selbst. Zum Beispiel, wenn zwei Menschen, Mann und Frau, schlaff am Trapez hängen, hilflos. Oder wenn sie am Wegfliegen gehindert werden, weil man sie an ihren Fußknöcheln festhält, wie Ballons an einer Schnur. Bemalt sind die Paar-Plastiken mit Pastellfarben. Was scheinbar harmlos daherkommt, erzählt oft von Angst und Gewalt.

„Dreifaltigkeit“ heißt eine Arbeit, bei der ein Gehstock, eine Hand und ein Benzinkanister mit einem kleinen Tischchen verwachsen sind. „Drei Brüder“ nennt sich eine andere, bei der einer von drei blau gestrichenen Jungs Handgranaten in den Händen hält, der andere ein Kreuz. Dem dritten steckt ein Spielzeugauto im Hinterkopf.

„Familiengeheimnisse“ gibt auch eine weitere Plastik preis. Zu sehen sind zwei Stehlampen, bei denen aus den Lampenschirmen, die ebenso gut Röcke sein könnten, Beine baumeln. Selbst wenn es mal nicht um Schlafstörungen geht, sondern um „Süße Träume“, wie der Titel einer anderen Plastik verrät, stehen da zwei Nachtschränkchen, eines in Rosa, eines in Hellblau. Auf dem einen ein Vibrator, auf dem anderen eine Pistole. Kommt der Betrachter näher, fängt der Vibrator an zu surren, die Pistole schießt nicht. André Weikard

KLASSIK

Überraschend anders: „Alla turca“ im Kammermusiksaal

Ergeben zwei Monologe eigentlich einen Dialog? Diese Frage stellen sich die Besucher der Philharmoniker-Konzertreihe „Alla turca“ immer wieder. So auch am Dienstag, als es nicht leicht fällt, sich vorzustellen, wie der Staatliche Chor für Klassische Türkische Musik Istanbul und sein Kammerensemble mit dem Zustand erregter Begeisterung umgehen sollen, den der Auftritt des Leipziger A-cappella-Ensembles amarcord im Kammermusiksaal hinterlassen hat.

Was die fünf ehemaligen Thomasschüler bei ihrem Streifzug durch die Madrigalkunst des 16. Jahrhunderts an Homogenität, Differenziertheit des Ausdrucks, Vielfältigkeit der Stimmfärbungen und intelligentem Humor bieten, lässt nur einen Wunsch zu: nämlich den, amarcord bald wieder in diesem Saal begegnen zu dürfen. Aber bitte nicht schon nach der Pause: denn da tritt Dirigent Fatih Salgar mit weißem Jackett und kapellmeisterlich stolzem Schritt vor sein aus Frauen und Männern wie auch aus türkischen und westlichen Instrumenten gemischtes Ensemble.

Zuhörer ohne Migrationshintergrund beginnen schon das Schlimmste, nämlich falsche Folklore, zu fürchten – und werden beschämt: So wie amarcord die Beschränkung des A-cappella-Klangs überwindet, so wissen die türkischen Musiker die stets einstimmigen Linien der osmanischen Hofmusik durch eine noble Kunst der sensiblen dynamischen wie rhythmischen Differenzierung zum Erlebnis zu machen. Und während der Wechsel zwischen vierteltonreichen Soli und klassisch geglättetem Tuttiklang dem sensibilisierten Ohr die schönsten Zerstreuungen bietet, schwingt sich das aufgekratzte Gemüt unversehens in eine geradezu orientalisch gelassene Abendstimmung ein. Carsten Niemann

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