Kultur : KURZ & KRITISCH

Ulrich Pollmann

KLASSIK

Im schönsten Licht:

Die Haydn-Nacht im Radialsystem

Der fünfte Stock ist im Radialsystem der Ort der Kontemplation, Konzerte hört man hier vorwiegend in der Horizontalen. Es finden sich Gymnastikmatten auf dem Boden, eben entscheidet sich noch eine Dame, es doch mal auf dem Bauch liegend zu versuchen, schon schreitet die junge japanische Cembalistin Beni Araki zum Instrument. Dieses überfordert sie dann mit Haydns weitläufigen f-Moll-Variationen, die wohl eher für das Hammerklavier gedacht sind – wobei der Anstrengung, die die Darstellung eines großen klassischen Werks auf dem barocken Instrument bedeutet, durchaus Ausdruckswert zukommt.

Damit ist der gemütliche Teil vorbei, es herrscht Trubel in dieser Haydn-Nacht. 16 Kurzkonzerte gibt es in drei Sälen, was dem Publikum viel Logistik abverlangt. Man will ja nichts verpassen. Drei Mal ist die überragende Christine Schornsheim am Hammerflügel mit Sonaten Haydns zu hören, für die improvisatorische Frische ihrer Haydn-Interpretation wurde sie mehrfach ausgezeichnet. Zwei Auftritte der Akademie für Alte Musik gelten dem orchestralen Werk des Meisters. Ebenso wie die Akademie ist neuerdings auch das junge und vielversprechende Solistenensemble Kaleidoskop im Radialsystem ansässig, es bringt mit der Geigerin Lisa Immer und Haydns A-Dur-Violinkonzert den Saal zum Toben. Wie überhaupt dieser Konzertmarathon zu Haydns 200. Todestag die Position des Radialsystems im Berliner Musikleben mal wieder im besten Licht erscheinen lässt. Ulrich Pollmann

KLASSIK

Junge Hüpfer, alte Hasen:

Yoel Gamzou im Kammermusiksaal

Schlaksig und aufgeregt wirkt Yoel Gamzou, als er das Podium des Kammermusiksaals betritt, um das Programm des Abends zu erläutern. Der 22-Jährige israelische Cellist und Dirigent und das von ihm gegründete International Mahler Orchestra treten erstmals an diesem Ort auf, und dass sie es überhaupt tun, zeigt schon, was purer Wille vermag. Denn Gamzou hat diesen Klangkörper aus eigener Kraft und mit eigenem Geld vor drei Jahren ins Leben gerufen, damit junge Musiker mit alten Hasen spielen und sich gegenseitig inspirieren.

Dass das nötig ist, zeigt schon Mahlers Klavierquartettsatz in a-Moll, der zaghaft und tastend rüberkommt. Bei Griegs Sonate für Violine und Klavier c-Moll geht Geigerin Elena Graf kräftiger an die Sache ran, aber auch ihr fehlt das südliche Temperament, das dieses Stück fordert. Man spürt, da geht noch mehr. Das liefert der erfahrene Lionel Wartelle nach der Pause in Brahms Klarinettenquintett h-Moll, wo er als einziger Bläser gegenüber vier Streichern souverän mit der richtigen Mischung aus gestauter und befreiter musikalischer Kraft brilliert. Der Programmabschluss ist fragwürdig: eine kurze, von Yoel Gamzou etwas schlicht für Streicher arrangierte Arie aus Verdis „Messa da Requiem“. Emanuel Graf als Solocellist hat nur drei Minuten Zeit zu zeigen, welch sinnliche Klänge er seinem Instrument entlocken kann. Schade, davon hätte man gerne mehr gehört. Aber als der zu einem Drittel gefüllten Saal reichlich applaudiert, lächelt auch Yoel Gamzou entspannt. Udo Badelt

THEATER

Letzte Ausfahrt Neukölln:

„Arabboy“ im Heimathafen

Neu ist die Idee nicht, Probleme von Jugendlichen aus Neuköllner Migrationsfamilien im Kiez selbst auf die Bühne zu bringen. Trotzdem rennt das Publikum dem Heimathafen die Türen ein: Auch am Abend nach der Uraufführung ist „Arabboy“ überbucht, neue Stuhlreihen müssen aufgestellt werden, das Stück beginnt eine halbe Stunde später. Der Ansturm ist gerechtfertigt. In ihrem Roman „Arabboy“ erzählt die Neuköllner Journalistin und Sozialarbeiterin Güner Yasemin Balci die Geschichte des Rashid A., eines Jugendlichen aus dem Rollbergviertel mit libanesischen Wurzeln, der zum Schläger, Vergewaltiger und Drogenkönig der Karl-Marx-Straße wird.

Die Inszenierung von Nicole Oder adaptiert das Buch wirkungsvoll und temporeich. Hauptdarsteller Hüseyin Ekici, gebürtiger Neuköllner, kennt das Sprach- und Gestenrepertoire der Straße genau. Am besten ist er in den aggressiven Szenen, in denen man förmlich das Adrenalin durch seine Adern schießen sieht. Seine Partner Sinan Al-Kuri und Inka Löwendorf können innerhalb von Sekunden in mindestens zehn weitere Rollen schlüpfen. Alle leben sie in einer Parallelgesellschaft, in der Deutsche nur indirekt oder am Rande vorkommen, in einem geschlossenen System, in dem Rashid fast beiläufig kriminell wird, weil Schule und väterliche Werkstatt keine Alternativen sind. Hoffnung oder Erklärungen sucht man vergeblich in dieser Geschichte, die kein Verständnis heischen will. Darin liegt ihre Stärke (Karl-Marx-Str. 141, wieder 11. – 14. Juni, 20. 30 Uhr). Udo Badelt

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