Kultur : KURZ & KRITISCH

Ulrich Amling

KLASSIK

Furios: Steven Isserlis beim Deutschen Symphonie-Orchester

In der erbarmungslosen Motorik, die durch Schostakowitschs Werke fegt, erkennt man oft nur die Knochenmühle: Das Individuum erscheint aufgerieben von einer grotesken Maschinerie, die gerne als Stalins Werk enttarnt wird. Diese historische Lesart erscheint bedrückend – und zugleich weit entfernt. Dem Cellisten Steven Isserlis gelingt bei seinem Auftritt mit dem Deutschen Symphonie-Orchester in der Philharmonie ein Wunder musikalischer Gegenwart. In Schostakowitschs erstem Cellokonzert, auf Drängen Mstislaw Rostropowitschs 1959 komponiert, entfacht Isserlis einen bewusstseinserweiternden Furor. Wenn er über die Saiten seines Stradivari-Cellos fegt, gleicht er jenen bebenden Helden der barocken Oper, die bedrängt von Schicksal und Göttern, trotzig und in Tränen, ihr Antlitz zurückgewinnen. Eine bewegende Selbstbehauptung, die obertonreich über die dunklen Druckwellen des Orchesterapparats triumphiert. Der finnische Dirigent Hannu Lintu, eingesprungen für den erkrankten Mikko Franck, entfacht eine schwere Klangsinnlichkeit. In Sibelius’ zweiter Symphonie ist der Streicherklang von Anbeginn so üppig, dass die Steigerungen zum Finale Lautstärke und Pathos in den roten Bereich treiben. Lintu, als Experte für moderne Musik eigentlich strukturell versiert, versucht das vermeintlich Spröde des Werks per Emphase zu überspringen. Die Musiker des DSO folgen ihm darin mit glühender Entschlossenheit. Doch ein Sibelius, der nach Tschaikowski klingt, ist von fragwürdigem Erkenntnisgewinn. Ulrich Amling

THEATER

Alles wird gut: „Leonce und Lena“ im bat-Studiotheater

Die Stiere und Löwen im Publikum, denen Benjamin Pauquet am Anfang aus ihrem Horoskop in der „Bild“-Zeitung vorliest, müssen einen mittelmäßigen Tag hinter sich haben: zwei Punkte, das steht für „gut, aber“. Ähnliches ließe sich auch über die Version von „Leonce und Lena“ im bat-Studiotheater sagen, in der Pauquet den vertrottelten König Peter gibt, der sich einen Knoten ins Taschentuch machen muss, um sein Volk nicht zu vergessen. Regisseur David Schliesing hat die Hälfte der Figuren aus Büchners Lustspiel gestrichen und den Text mit den postmodernen Simulationstheorien von Jean Baudrillard remixt, weiß aber nicht so genau, wo er mit seiner Inszenierung hin will. Die Melancholie des Prinzen Leonce, der sich im Liliput-Königreich Popo zu Tode langweilt, steht ziemlich unvermittelt neben einer derben Komik: Er will sich umbringen, erhängt dann aber doch lieber seinen Plüschelefanten. Die Wiese, auf der sein Gefährte Valerio die Nase „zwischen den Halmen herausblühen lassen“ will, ist im neonbeleuchteten Guckkasten-Bühnenbild (Sophie du Vinage) ein Flokatiteppich. Gerettet wird der Abend von den Schauspielern, wie der Regisseur Studenten im 4. Studienjahr der Ernst-Busch-Schule, die sich mit ihrer Spiellust schier überbieten. Jeder glänzt mit einem eigenen Kabinettstückchen: Janusz Kocaj (Leonce) als lippenfletschender Elvis-Imitator, Kristina Pauls (Lena) mit einer gummipuppenartigen Tanzeinlage, Hajo Tuschy (Valerio) als rekordverdächtiger Gurkenvertilger und Julia Reznik (Gouvernante) mit irrwitzigen Nasen-Wortspielen („Na Sie!“). Die Königskinder begegnen einander auf der Flucht, alles wird gut. Im furiosen Slapstick-Finale wälzen sich die Darsteller dann in Plastestühlen. Das ist großartig. Ganz ohne „aber“ (Belforter Str. 15, 10. und 11. Juni, 20 Uhr). Christian Schröder

KUNST

Gehen lernen: Franz Ehrhard Walther im Mies van der Rohe-Haus

„The Death of the Audience“ heißt eine Gruppenausstellung, die im Juli in der Wiener Secession eröffnet. Mit dabei: Franz Erhard Walther, der dem Kunstpublikum „den Garaus" machen will. Seine Objekte erschließen sich nur dem, der sie (virtuell) benutzt, überstreift, begeht. Anlässlich seines 70. Geburtstags präsentiert das Mies van der Rohe-Haus eine konzentrierte Walther-Retrospektive (Oberseestr.60, bis 26. 7., Di-So 10-17 Uhr). Trotz bescheidener Ausstellungsmöglichkeiten im Landhaus Lemke schlägt die Schau einen Bogen von „Wortbildern“ der späten fünfziger Jahre – mit charakteristisch geformten und gefärbten Begriffen wie „Afrika“, „Kairo“ oder „Villa Nice“ – bis hin zu den „Vier Formen“ in ziegelrotem Leinen von 2008. Der zusammengelegte Zustand der „Lagerform“ ist aufgebrochen, die Einzelteile sind frei im Raum verteilt. Im Fall der Buchstabenskulpturen des „Neuen Alphabets“ (1992 und 1994), die im Schlafzimmer zu sehen sind, verhält es sich umgekehrt. Walthers „Werkdefinition durch Handlung" springt auch beim honiggelben Ensemble „Ruf an den Modelleur“ (1986) ins Auge. Die Stoffteile lassen sich wie Kleidung anlegen. Im Garten warten zwölf „Schreitbahnen“ aus rostigem Stahl darauf, vom Künstler in einer Werkdemonstration benutzt zu werden (am 17. Juni, 19 Uhr). Jens Hinrichsen

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben