Kultur : KURZ & KRITISCH

Daniel Wixforth

KLASSIK

Nur nicht fragen: ein Liederabend in der Komischen Oper

Wie komponiert man eigentlich in 2009? Klangflächen sind out, Konstruktivismus sowieso, was bleibt? Katia Tchemberdji, die im Foyer der Komischen Oper als Pianistin selbst an der Uraufführung ihrer „Lieder der Nacht“ für Mezzosopran und Klavierquintett beteiligt ist, versucht es mit Minimalismus. Während das Artenius-Trio, erweitert um Melinda Watzel an der zweiten Geige und Eberhard Wünsch an der Bratsche, hauchdünn gestrichene Haltetöne übereinanderlegt, sorgt das Klavier für Farbtupfer. Im Mittelpunkt dessen drei Gedichte von Gottfried Benn, die Elisabeth Starzinger ausdrucksvoll-kraftlos, am seidenen mezzosopranen Faden vorträgt. Dass das Klangergebnis bisweilen arg nach der freien Atonalität Schönbergs klingt, kann man als postmodernen Traditionalismus (ab-)werten – die morbide Lyrik Benns gesellt sich zu dieser Musik aber glänzend. „Nur nicht fragen, nur nicht verstehen“, fordert das zweite Lied. Eingerahmt wird die Premiere von Haydn und Dvorák: Haydns Klaviertrio in C-Dur wirkt besonders in den Ecksätzen unentschlossen zwischen Ausdruck und Struktur. Dvorák hingegen könnte man entschlossener kaum spielen. Immer wieder verliert sich das Klavierquintett op. 81 in volksmusikalischem Duktus. Von existenzieller Aufladung des Cello-Themas (Kleif Carnarius) im Allegro bis zur authentischen Kantigkeit der Bratsche in der Dumka: ein Striptease der slawischen Volksseele. Daniel Wixforth

KUNST

Risse im Stein: Erzen Shkololli in der daad-Galerie

Erzen Shkololli gehört zu den bekanntesten Künstlern aus dem Kosovo. Er macht nicht nur Kunst über das Land. Er macht auch Kunst im Land. Der 33-Jährige lebt und arbeitet in Pec, obwohl es dort nach Jahren der Gewalt keinen florierenden Kunstbetrieb gibt. Wenn Shkololli dann doch im Ausland arbeitet, zurzeit in Berlin als Gast des Deutschen Akademischen Auslandsdienst, dann erzählt er mit seiner Kunst von seinem Land. Für die Installation „Wreath“ (Kranz) hat er in der Daad-Galerie einen extra Raum in den Ausstellungsraum eingebaut (bis 27. 6., Zimmerstr. 90/91, Mo-Sa 11-18 Uhr). Dort liegt auf dem Boden ein Sockel, einem Grabstein gleich. Das graue Material hat Risse. Darüber liegt eine tellerrunde Stickerei mit Blumen und Vogel-Motiven. Dieser wird traditionell im Kosovo bei Beerdigungen eingesetzt. Bei Shkololli wirkt er wie ein Schutzschild – ein Fremdkörper im durchgestylten Raum. Shkololli ist ein Ethnograph, der Dokumente seines Volkes inszeniert. „Wreath“ ist nicht explizit politisch, doch werden die Wunden des Landes sichtbar. Anna Pataczek

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben