Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Jörg Königsdorf

KLASSIK

Zurück zur Natur: Marek Janowski

dirigiert Strauss und Reger

Auf Dirigenten wirkt die Musik von Richard Strauss wie eine Droge: Die wenigsten widerstehen der Versuchung, ihre Effekte bis zum orchestralen Kontrollverlust auszureizen. Zum Glück ist Marek Janowski über das Drogenalter hinaus. Wenn der Chef des Rundfunk-Sinfonieorchesters Strauss’ Alpensinfonie in der Philharmonie dirigiert, geht es nicht um Effekte, sondern um Klarheit, Ordnung und innere Konsequenz. Leichten Schrittes geht Janowski seine Bergwanderung an und orientiert sich eng an der Aufnahme, die Richard Strauss selbst 1941 einspielte.

Schon die einleitende „Nacht“-Episode drängt zum ersten Sonnenstrahl hin – der Berg ist kein Feind, sondern das Sinnbild einer Natur, die ihren eigenen Gesetzen folgt. Selbst wenn Janowski „Auf dem Gipfel“ anlangt, hat das nichts von wilhelminischem Getöse, umso mehr von leichter Höhenluft. Die „Alpensinfonie“ klingt wie eine Antithese zur deutschen Romantik, weil Janowski sie mit einem Stück konfrontiert, das jene Sackgasse zeigt, in der die deutschen Komponisten nach Brahms, Wagner und Liszt steckten: Regers Klavierkonzert von 1910 ist ein Paradebeispiel für diese egomanische Wühlerei, die das eigene Gefühlsleben stilisiert. Barry Douglas absolviert das Akkordgedonner gelassen und entdeckt im langsamen Satz sogar Spuren nach-brahmsischer Versonnenheit. Jörg Königsdorf

POP

Sensibles Gesumse:

CocoRosie im Astra

So schräg kann Popmusik gar nicht sein, um nicht mehrheitsfähig zu werden. Zum Beispiel CocoRosie: Die Schwestern Bianca und Sierra Casady erschaffen ein Paralleluniversum mit japanophilem Kinderlieder-Operetten-Electronica-FreakFolk, dessen Artenreichtum jede Konsensbildung vereiteln sollte. Doch das Astra ist ausverkauft.

Das Duo setzt auf lyrisches Begleitpersonal: Zwei junge Herren bearbeiten feinfühlig Klavier, Bass und ein aus Plastikkanistern, Ofenrohren und Pfannen bestehendes Schlagwerk. Dazu gesellt sich Zirpen und Gesumse aus dem Sampler sowie Sierras Harfengezupfe. So entsteht in organischem Werden und Vergehen ein von suggestiven Rhythmen unterwanderter Klangzauberwald. Über allem schwebt der Gesang der Schwestern: Sierra singt erratische Melodien mit musicaltauglichem Alt, während Biancas Stimmbänder ein gepresstes Krächzen erzeugen, dem tonlosen Winseln einer gequälten Kreatur ähnlich. Und doch liegt Schönheit in dieser Anti-Stimme. Nach anderthalb Stunden erfolgt die erste Vertreibung aus dem Bonsai-Paradies von CocoRosie. Doch die Band lässt sich zweimal zurückbitten und belegt mit kathartisch groovenden Rap-Folk-Wucherungen, dass ihre Musik bei all ihrer Absonderlichkeit konsensfähig ist. Jörg Wunder

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