Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg Königsdorf

KLASSIK

Die Seele der Trompete:

Alison Balsom im Konzerthaus

Ihre Kollegen, kritisierte Alison Balsom einmal, würden oft vergessen, Musik zu machen und sich nur auf korrekte hohe Töne konzentrieren. Dass es auch anders geht, demonstriert die englische Startrompeterin im Konzerthaus an Haydns Trompetenkonzert: Bei Balsom ist jede Note Musik und kein Motiv zu kurz, als dass man es nicht mit Ausdruck füllen könnte. Weich und kantabel ist ihr Trompetenton – nicht unähnlich dem ihres Lehrers Hakan Hardenberger. Melodien versucht sie mit Seele zu füllen oder rhetorisch zu beleben, ganz wie man es auch auf ihrer grandiosen CD mit der deutschen Kammerphilharmonie hört.

Ein spritziges Haydn-Konzert hätte das werden können, wenn Balsoms Konversationsangebote Widerhall gefunden hätten. Doch leider zeigt die Chinesin Xian Zhang am Pult des Konzerthausorchesters wenig Dialogbereitschaft. Zhang, die von der kommenden Spielzeit an als erste Frau an der Spitze eines italienischen Orchesters die Mailänder Sinfoniker leitet, gilt als eines der stärksten Talente unter den jungen Dirigentinnen. Im Konzerthaus enttäuscht sie auf ganzer Linie und liefert abgehangene Werkklischees: Zum duckmäuserisch begleiteten Haydn gesellen sich ein harmloser Ravel (das „Tombeau de Couperin“ in der Orchesterfassung) ohne Anzeichen von Humor, und Beethovens Achte, wie man sie vor vierzig Jahren spielte: groß besetzt, wuchtig auftrumpfend und unerschütterlich affirmativ. Nicht einmal im Chaos des Finales, das kaum über sein Thema hinauskommt, zeigt Zhang erkennbares Problembewusstsein und tut einfach so, als sei dieser rotierende Stillstand das Normalste von der Welt. Aber vielleicht ist das in China ja auch so (noch einmal heute, 20 Uhr). Jörg Königsdorf

KLASSIK

Das Herz der Moderne:

Barenboim und die Philharmoniker

Was haben Richard Strauss und Elliott Carter gemeinsam? Vor allem eine unerschöpfliche Produktivität, die auch vor den Toren des Alters nicht haltmacht. Wieder einmal ist Daniel Barenboim beredter Anwalt des mittlerweile 101-jährigen Amerikaners, diesmal am Pult der Berliner Philharmoniker mit Solokonzerten der jüngsten Zeit. Der Flötist Emmanuel Pahud leiht auch Carters einsätzigem Philharmoniker-Auftragswerk seine Kunst der melodischen Fülle und figurativen Geschmeidigkeit. An ihm kann es nicht liegen, dass die Komposition nicht wirklich trägt, auch nicht an ihrer fast zwangsläufigen Sprödigkeit nach einem hinreißend musizierten „Don Juan“ von Richard Strauss. Sie ist im Gegenteil ganz wohltuend nach so viel Opulenz.

Was sich hier in Solopart und Orchester klanglich fremd bleibt und in seinen Entwicklungen allzu schnell erlahmt, gewinnt in den „Dialogues” für Klavier und Kammerorchester Überzeugungskraft, lebt vom Kontrast dunkel-vollgriffiger Agressivität und melancholisch weitschwingender Melodik. Nicolas Hodges erfüllt ihn mit konsequent vorantreibender Energie. „Till Eulenspiegels lustige Streiche” sind danach nicht nur ein Versöhnungszuckerl, vielmehr atemberaubende Fortsetzung ihrer Vitalität und kompositorischen Gewitztheit. Die Spiellaune, die Barenboim feurig entfacht, wird dabei niemals hemdsärmelig, sondern besticht mit Atem ebenso wie mit Detailverliebtheit, mit Sinn für meditative Übergänge und Klangdelikatesse. Die „Spitzentöne“ liefern Guy Braunsteins charmante Violinsoli, Albrecht Mayers beredte Oboenklagen oder Radek Baboraks lupenreine Hornkaskaden – nicht die einzigen, die mit stürmischem Beifall bedacht werden. Isabel Herzfeld

0 Kommentare

Neuester Kommentar