Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Volker Lüke

POP

Psychedelisch: Wüstenrock

im Festsaal Kreuzberg

Praktiken, die zu erweiterten Bewusstseinszuständen führen, gibt es in fast allen Kulturen. Einige der schönsten und seltsamsten Musikaufnahmen findet man dabei im Katalog des Labels „Sublime Frequencies“ aus Seattle, das seit 2003 in aller Welt Klänge zusammensucht, die so gar nicht dem poppig-polierten Weltmusik-Klischee entsprechen: real existierenden Commie-Funk aus Nordkorea, Freakbeat aus dem Irak oder kambodschanischen Synthpop. Im Rahmen der zweitägigen Veranstaltung „Global Alchemy“ präsentiert das Label im Festsaal Kreuzberg zwei Gruppen, bei denen der psychedelische Charakter der arabischen Musik zum Tragen kommt, wenn zunächst der Wüstenrocker Baamar Salmou von Group Doueh aus Marokko mit seiner E-Gitarre merkwürdig verdrehte, von Hendrix inspirierte Blueslicks in ein Geflecht aus programmierten Beats, Keyboardsound und männlich-weiblichem Wechselgesang schrabbelt. Dabei hat die Musik etwas unzweifelhaft Archaisches und auch das Heulen der tranceartigen Gesänge klingt bisweilen, als seien sie dem Wüstenwind entrissen. Bis nach Mitternacht Omar Souleyman aus Syrien auftritt: „Aaaah-Ay!“ brüllt der charismatische Folk-Pop-Star mit Sonnenbrille unterm Kopftuch und zitiert poetische Verse zu mit Technobeats aufgemotzten Rhythmen, die problemlos mit dem Seelenleben der hiesigen Jugend korrespondieren. Zudem erinnern sie daran, dass im Festsaal auch türkische Hochzeiten gefeiert werden, bis sich das begeisterte Publikum bei einem Bier erholen darf. Auch das mag eine bewusstseinserweiternde Erfahrung sein. Volker Lüke

KLASSIK

Glasklar: Händels „Israel in Egypt“ im Kammermusiksaal

Nicht immer ist die Ablehnung nachmals berühmter Werke durch die Zeitgenossen ein Zeichen von Ignoranz. Dass Händels Oratorium „Israel in Egypt“ bei der Uraufführung im April 1739 durchfiel, kann man auch als Zeichen dafür werten, dass sich das Publikum nicht vom patriotischen Pomp des latent kriegstreiberischen Werks blenden ließ. Dass man das Werk im massenbewegten 19. und beginnenden 20. Jahrhundert mehr schätzte, hilft historisch informierten Interpreten wie Concerto Köln, dem RIAS-Kammerchor und seinem Leiter Hans-Christoph Rademann da nicht weiter. Ihr Versuch einer Ehrenrettung setzt darum ganz auf die musikalische Substanz: In einem Fest der glasklaren Intonation machen sie besonders auf die vielen Facetten von Händels Harmonik aufmerksam, die hier vom bewusst Archaischen bis zum gewagt Modernen reicht.

Auch das, was man gemeinsam mit den Solisten (unter ihnen die aufstrebende Sopranistin Anna Prohaska und der britische Countertenor Tim Meads) an durchdachter Einzelwortausdeutung bietet, verdient Bewunderung. Doch es sind Herolde, keine persönlich Betroffenen, die auf dem Podium des Kammermusiksaals stehen; die winzigen Chancen, die sich besonders in der Trauermusik des Beginns und der Arie „Thou shalt bring them in“ für eine Intensivierung des Ausdrucks durch zarte Pianokontraste eröffnen, nutzt Rademann nicht. So endet der Abend in einem musikalischen Triumph, der dennoch kein Sieg über die Herzen ist. (Übertragung im Deutschlandradio Kultur am 2. Juli, 20.03 Uhr) Carsten Niemann

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