Kultur : KURZ & KRITISCH

Christiane Tewinkel

KLASSIK

Bauchige Wellen: Philippe Jordan dirigiert die Staatskapelle

Philippe Jordan trägt einen blauen Anzug und braune Schuhe zum Nachmittagskonzert in der Philharmonie: Hat man dem neuen Directeur Musical der Pariser Oper den Koffer gestohlen? Übt sich die Staatskapelle jetzt wie das Deutsche Symphonie Orchester im Genre des casual concert? Oder sollte hinter der Aufmachung ein Konzept stehen? Zum Beispiel das des eleganten Pultarbeiters, der nun mit Souveränität und festem Stand durch ein herrlich ausgedachtes Meer-Programm führt, mit Mendelssohn Bartholdys „Meeresstille und glückliche Fahrt“ delikat beginnend, fortfahrend mit Chaussons Liebes- und Liebesleids-Erzählung „Poème de l’amour et de la mer“.

Waltraud Meier nimmt das nervös flackernde Orchestergesangsstück auf unnachahmliche Weise in die Hand, leitet aus der Solistinnenposition an: ein glatt gekühltes Timbre, goldfarbene Spitzentöne beim Beschwören der Liebe, Bestürzung bei ihrem Vergangensein. „Da konnte ich jenes tödliche Wort in ihren weit offenen Augen lesen: Vergessenheit.“ Kein Wunder, dass der fast ausverkaufte Saal Meier zu Füßen liegt.

Darauf Brittens „Sea Interludes“, eigenwillige Gebilde, die das Blech explodieren und die Streicher bauchige Wellen schlagen lassen. Unter Jordan scheinen nicht alle Effektextreme auf. Ein Sturmgetöse wie im letzten Satz kracht präzise. Doch die Pianissimi drehen sich ins Verhaltene, bloß Leisere, ein Eindruck, der sich mit Debussys tadellos gespieltem, indessen eher zauberfreiem „La mer“ bestätigt. Auch hier dirigiert Jordan ausgezeichnet. Doch fehlt das Schimmernde und Schillernde, der musikalisch-intellektuelle Eros: Nächstes Mal bitte wieder schwarze Schuhe. Christiane Tewinkel

KLASSIK

Fein gebaute Wege: West-Eastern Divan in der Staatsoper

Die hundert Jahre, die Elliott Carter inzwischen lebt, scheinen nicht lang genug zu sein, um seine Werke auch in Europa bekannt zu machen. Daniel Barenboim hat die zu Ende gehende Konzertsaison der Staatskapelle vor allem diesem amerikanischen Komponisten gewidmet, dessen Musik für ihn, um ein Wort Artur Schnabels zu gebrauchen, „besser ist, als man sie spielen kann“. Die Stücke für Marimbaphon, Kontrabass oder Flöte, welche die Musiker des West-Eastern Divan Orchestra bei der Matinee in der Staatsoper spielen, dauern nur wenige Minuten, aber sie zeigen, wie Carter in seinem Spätstil Form und Ausdruck auf engstem Raum verschmilzt. Und sie erlauben, den Klang von Instrumenten, die sonst im orchestralen Klangmeer eher untergehen, einmal solistisch studieren zu können.

In ihrer Knappheit passen sie gut zur Zweiten Wiener Schule, von der Barenboim in seinem gewohnt trocken-dialektischen Humor sagt, dass sich Schönberg nicht überschätzt habe, als er glaubte, in spätestens 50 Jahren werde man diese Musik verstehen. Vielmehr habe er die Zukunft überschätzt. Alban Bergs Kammerkonzert für Klavier und Violine mit 13 Bläsern ist ein zentrales Werk der Schule, radikal dicht konstruiert, voller Korrespondenzen. Trotzdem klingt es nicht kopfig, sondern äußerst sinnlich. Dass sein strenger Vater am Pult steht, ist für Michael Barenboim an der Violine keinerlei Anlass, nervös zu werden. Doch zeigt er sich wenig interessiert, Bergs fein gebauten Wegen auch nachzugehen. Eher absolviert er das Stück. Ein bisschen mehr Aufregung wäre vielleicht nicht schlecht gewesen. Udo Badelt

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