Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Jürgen TietzD

ARCHITEKTUR

Das nackte Gerüst:

Fotos von Rohbauten

Wie eine dünne Tapete hängen die meisten Fassaden vor den Häusern. Wer das tragende Gerüst aus Stahl oder Beton sehen will, kann dies nur bei Rohbauten erleben. Mit seinen zu Triptychen gruppierten Rohbaufotos fängt Javier Callejas in der Galerie Dr. Julius/ap (Leberstraße 60, bis 27. Juni, Do–Sa 14–18 Uhr) die Skelette von drei Gebäuden ein: der „Ecole d’Architecture“ in Nantes von Lacaton & Vassal, dem U-Boot-Bunker Alvéole 14 in St. Nazaire, den Finn Geipel und Giulia Andi zum Veranstaltungsort umgenutzt haben, sowie dem „Archivo Historico“ in Granada von Luis Feduchi. „Die nackte Konstruktion zwingt zur Wahrheit“ hat Erich Mendelsohn 1924 notiert. Ausgehend von dieser Überlegung reflektiert Ulrich Brinkmann in einem Essay, der Callejas Fotos begleitet, die Bedeutung des Rohbaus für eine nachhaltige Architektur: „Ein baulich intaktes Skelett aus Stahlbeton niederzulegen, wird sich schon in wenigen Jahrzehnten nur noch ein besonders vermögender und nicht weiter auf seinen guten Ruf bedachter Bauherr leisten können.“ Zu viel Energie wird im Bauprozess gebunden, als dass man sie den Abschreibungszyklen von Investoren überlassen dürfe. So kraftvoll wie Brinkmanns Text sind auch die Rohbauten, die Callejas verewigt hat. Jürgen Tietz

KLASSIK

Der reine Ton:

Jugendförderung beim DSO

Gleich drei junge Talente präsentiert das DSO im Rahmen der Reihe Debüt im Deutschlandradio Kultur am Sonntag in der Philharmonie, vier Werke des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, sinfonische Dichtungen und Solistenkonzerte sind zu hören. Vor allem aus endlosen Kantilenen besteht der Solopart des Oboenkonzerts von Richard Strauss, der 23-jährige Russe Ivan Podyomov spielt sie mit makelloser Geschmeidigkeit. Und macht das Beste aus dem vom Komponisten nicht geschätzten Gelegenheitsstück, 1945 auf Anregung eines amerikanischen GIs entstanden. Dirigent des Abends ist der in Kasachstan geborene Alan Buribayev, der als Chef zweier Orchester allerdings wohl kaum noch Förderung benötigt. Das DSO, das wie eigentlich immer in dieser der Nachwuchspräsentation gewidmeten Reihe hochmotiviert spielt, führt er schon im Eingangsstück, dem „Danse macabre“ von SaintSaëns, mit viel Temperament zu pointiert-spritziger Klanglichkeit, Mussorgskys sinfonische Schauerdichtung „Eine Nacht auf dem kahlen Berge“ gerät ihm nach der Pause zu einem bizarr-irrlichternden Kabinettstück. Höhepunkt des Abends wird Edward Elgars Cellokonzert von 1919, ein spätromantisches Bekenntnisstück, dem die Melancholie des sich auflösenden Empire eingeschrieben ist. Die 22-jährige Marie-Elisabeth Hecker gestaltet die schmerzerfüllte Melodik des vom Tod der Frau des Komponisten geprägten Stücks mit staunenswerter Hingabe. Lang anhaltender Applaus für diese Aufführung, die Solistin und Dirigent in harmonischem Zusammenspiel meistern. Ulrich Pollmann

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