Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

H.P. Daniels

ROCK

Metallarbeiter: Limp Bizkit

in der Columbiahalle

Ganz so „nu“ ist „Nu Metal“ auch nicht mehr. Limp Bizkit aus Florida spielen diese Heavy-Metal-HipHop-Kombi seit 15 Jahren. In der ausverkauften Columbiahalle fällt zum Intro der Vorhang herunter, gibt den Blick frei auf Geflacker, während sich im Saal Hunderte von Armen recken mit abgespreizten Fingern und Fotohandys. Wie ein Erdbeben grollt der Bass, schiebt komprimierte Luft vor sichher. Hinter der Bühne sieht man die Köpfe der Band als überlebensgroße Comiczeichnungen und davor wirkt das Leben auch wie ein Comic.

Alle rucken und zucken zu infernalischem Lärm. Der DJ mit Umhang, Bassist Sam Rivers mit glimmendem Lichtlein auf dem Griffbrett, John Otto hinterm Schlagzeug und Gitarrist Wes Morland mit Maske. Vorneweg tanzt Fred Durst einen zappeligen Rapper-Tanz und schreit „My Generation“. Nein, nicht den Song von Pete Townshend – dies hier ist eine andere Party. Zwischen den Stücken entstehen Kunstpausen, in denen der Verlauf programmiert wird. Digitales aus der Konserve, musikalisch unbedeutend. Aber egal, denn zu diesem Sound lässt sich’s wirklich prima mit dem Kopf bängen. Dann doch noch was von Townshend: Die Ballade „Behind Blue Eyes“. Auch die härtesten Metallarbeiter schätzen eine schöne Melodie, die einzige des Abends. Doch darauf kommt es jetzt wirklich nicht an. „Fuck that shit“, wir haben unseren Spaß und sind am Ende völlig ausgelaugt. H.P. Daniels

ROCK

Komödianten: Faith No More

in der Wuhlheide

Faith No More, vor elf Jahren getrennt, betreten die Bühne als Rentnerorchester, in lachsfarbenen Anzügen, sie sind Mitte 40. Als letzter humpelt Mike Patton am Stock ans Mikrofon und verzückt mit der alten Soul-Schnulze „Reunited“ von Peaches & Herb. Ein selbstironischer Kommentar zum Wiedergängertum, das den Rock seit dem Boom des Konzertmarktes heimsucht. Faith No More war immer auch Rock-Comedy. Seit den Achtzigern wiesen die Kalifornier dem Metal den Weg aus der Ernsthaftigkeit. Wenn sie heute in der Wuhlheide Lady Gagas „Pokerface“ covert, ist das hingegen nicht mehr als ein alter Witz.

Patton als mephistotelischer Conférencier ist das Kraftzentrum. Sein Gesang reicht vom satten Gebrüll bis zum operntauglichen Vibrato. Jahrelang hatte er eine Reunion ausgeschlossen. Jetzt scheint er sich vertraglich zugesichert haben zu lassen, sein Pult mit Vokaleffekten mitbringen zu dürfen. Jon Hudson hingegen sind wohl die Noten in den Vertrag geschrieben worden, sein Gitarrenspiel ist erschreckend leblos. Den Pionieren des Crossover, den Schöpfern erhabener Hymnen wie „Epic“ und „King For A Day“, wäre eine Antwort zuzutrauen auf die Frage, welche Rolle sie in einer Popgegenwart der entfesselten Zeichen spielen möchten. Die Chance wird verspielt. Es bleibt als Reunion-Motto der Refrain des ’85er Rap-Stampfers „We Care A Lot“: „Es ist ein schmutziger Job, aber jemand muss ihn tun.“ Kolja Reichert

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