Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Thomas Lackmann

KABARETT

Links und reich: Andreas Rebers

in der Bar Jeder Vernunft

Er liebt sie, irgendwie, alle. Dem Taxifahrer ist die „Tristesse in Beige“ gewidmet: zwei alternierende Akkorde. „Sonne, Mond und Sterne/ krieg ich durchs Schiebedach“, singt Andreas Rebers, dem wir glauben, dass alles beige ist, Herz und Schmerz, die Witze, die Sitze. Der Kanzlerin gehört das „Konjunkturpaket“, ein Techno-Schrittmacher, zu dessen Stakkato eine Stripperin piepsend rapt: „Denn ich bin der vom Kanzler ihr sein größter Kompromiss … Ich haue die Milliarden raus als wärs ein Teil von dir …“ Der bekennende Niedersachse würdigt den als Talk-Show-Latour untergetauchten Bin Laden, überblendet Killer- und Spießerprofile, verfummelt ideologische Positionslichter („ich bin links und reich“).

In raren Momenten zeigt sich Deutschlands bester Brettlkünstler in der Bar jeder Vernunft (erneut am 20.6.) als Lyriker, als Zauberer schräger Akkordeon-Nuancen: „Hinter einer Lärmschutzwand/ liegt ein unbekanntes Land/ ohne Hemd und ohne Schuhe/ und dann ist Ruhe.“ Leider traut er an seinem Songabend „Lieber vom Fachmann“ eigenen Meisterstückchen zu wenig zu. Wer die Gummizellenwelten seiner Programme – wie den obsessiven Fliesenleger – kennt, vermisst seine Wucht, seine Perlen ironischer Poesie. Mit einer Überdosis grimmiger Kalauer wird die Best-of-Parade anmoderiert. Das reine, das beige Konzert: steht noch aus. Thomas Lackmann

KLASSIK

Herzenswarm: Mitsuko Uchida

in der Philharmonie

Einen dreifachen Abschied gibt Mitsuko Uchida als „pianist in residence“ der Berliner Philharmoniker, und dreifach schwer fällt die Trennung von dieser feinsinnigen, herzerwärmend einfachen Künstlerin. Mit einem Beethoven-Programm entfaltet sie ihren Facettenreichtum als Solistin, Liedbegleiterin und Kammermusikpartnerin vor einem gebannten Publikum. Ovationen erhält die zierliche Japanerin gemeinsam mit ihren Philharmoniker-Kollegen Guy Braunstein und Georg Faust für das „Erzherzogtrio“ op. 97. Klug hält sie die Fäden zusammen, klug lassen ihr die Streicher den Vortritt. Zum Ereignis wird nicht nur das perfekte Zusammenspiel, sondern die harmonischen Kühnheiten und Brüche, etwa im Scherzo.

Getupfte Pizzikati, heftige Akzente und eine ins Schubertsche Idiom hinüberschaukelnde Rhythmik im Finale lassen lakonischen Humor aufblitzen. Traumverlorene Klangpoesie entfaltet Uchida zu Beginn mit der Sonate-E-Dur op. 109. Und auch wenn sie hier Nerven zeigt, so überwältigt doch der Variationensatz mit seinem Atem, seiner Ruhe. Die Harmonie nimmt Uchida in den Zyklus „An die ferne Geliebte“ hinüber – doch was sie und Bariton Ronan Collett dem Werk an Emotionalität beifügen wollen, gerät zu manierierter Überzeichnung. Isabel Herzfeld

THEATER

Herzensarm: „Tötet die Traurigen...“ im Ballhaus Ost

Es wird zurzeit viel über die Krisenkinder diskutiert, jene prekär Beschäftigten, die nichts als Schulden erben werden. Was aber ist mit denen, die gar kein Geld wollen, sondern große Gefühle? Wer spricht über die Nöte junger Bühnenschaffender, deren Glauben nicht durch die wirtschaftlichen Verwerfungen erschüttert wurde, sondern durch René Polleschs Attacken auf den Formenkanon des bürgerlichen Theaters? Nun, zumindest einer, der Nachwuchsregisseur Malte Schlösser. „Tötet die Traurigen und die Welt wird fröhlicher“ heißt sein Diskursabend für die Erben der Volksbühne am Ballhaus Ost (wieder am 20., 26. und 27.6.).

Schlösser, studierter Philosoph, betreibt einen Kassensturz für die herzensarmen Sinnsucher von Heute, deren Hausgötter nur Theorietrümmer hinterlassen haben. „Ich kann einfach nicht glauben, dass ich hier die größten Kunstanstrengungen bemühe, mir zehnmal René Pollesch angucke und auch lernbereit bin und es nicht schaffe, die Geschichte des Ikonoklasmus, der Repräsentationskritik zu beenden“, lautet ein Kernsatz dieser radaupoetischen Unternehmung. Schlössers Schauspielerinnen, Nadine Dubois, Simone Jaeger und Kristof Gerega, fragen pfiffig nach den Möglichkeiten, authentisch von sich selbst zu erzählen.Patrick Wildermann

KUNST

Maskenball: Die Sammlung Rolf Horn im Brücke-Museum

Kaltes Grün und Violett erzeugen eine unheimliche Stimmung in Ernst Ludwig Kirchners Ölgemälde „Sertigweg“ von 1924/26. Erhaben thronen die Davoser Alpen über dem Tannenwald. Mit rund 140 expressionistischen Werken ist die Schleswig-Holsteinische Sammlung Rolf Horn zu Gast im Brücke-Museum. Neben den Hausheiligen Kirchner, Heckel oder Schmidt-Rottluff sind auch Künstler wie Ernst Barlach, Käthe Kollwitz oder Christian Rohlfs dabei (Bussardsteig 9, bis 13.9., Mi.–Mo. 11–17 Uhr).

Erstmals geht die 1989 etablierte Kollektion auf Reisen. Seit 1995, dem Todesjahr des Unternehmers Rolf Horn, wird seine Sammlung auf Schloss Gottorf, dem Sitz des Schleswig-Holsteinischen Landesmuseums, gezeigt. Ein Schwerpunkt sind Holzschnitte der Brücke-Mitglieder, die mit Werken außereuropäischer Kunst konfrontiert werden: So sind sowohl eine Maske aus Neu-Guinea als auch Karl Schmidt-Rottluffs „Frauenkopf“ (Holzschnitt, 1915) charakteristisch in die Länge gezogen. Das Highlight: die Frauenportraits des deutsch-russischen Malers Alexej von Jawlensky, vier Bildnisse, die den Weg des Expressionisten in die Abstraktion nachzeichnen. Jens Hinrichsen

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