Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Kolja Reichert

POP

Lüsterne Lippen:

Friendly Fires im Lido

Über Großbritannien ist die Sonne aufgegangen, in Form einer großen, glitzernden Discokugel. Ihr gleißendes Licht lässt all die Franz Ferdinands und Maximo Parks verblassen. Drei gut erzogene junge Herren aus der Nähe Londons sind ausgezogen, um unterkühlten Indiekids zu zeigen, wie man feiert, mit allen Tricks aus 30 Jahren elektronischer Tanzmusik. Sie nennen sich Friendly Fires, und tatsächlich ist ihr Discorock-Dreampop von derart entwaffnender Freundlichkeit, dass im Lido auf den ersten Beckenschlag Mundwinkel und Füße in die Höhe gehen. Über simplen Bass-Synkopen, Kuhglocken-Beat und strammer Funk-Gitarre schraubt sich Ed Macfarlanes exaltierter Gesang in die Höhe. Bemerkenswert, wie klar und tadellos der Sänger die emotionalen Achterbahnfahrten und princeesken Oktavsprünge meistert. Seine Hüftschwingungen weisen ihn einmal mehr als den rechtmäßigen Erben Mick Jaggers aus, von dem er auch die schönen Lippen haben muss. Nett mancher neue Break, wie in „Photobooth“, wo Macfarlane kurz den Takt mit Mikro auf den Kopf schlägt. Nur: Genau das hat er, wie man hört, auch schon am Vortag beim Southside Festival gemacht.

Tatsächlich wirkt die ganze Show recht abgezirkelt. Würde sich die Band von der Leine der Festplatteneinspielungen losreißen, das etwas schüchterne Bläserduo heimschicken und spontan losrocken, wäre sicher noch mehr rauszuholen. Mit ihrem dritten Berliner Konzert sind die Herzen jedenfalls geknackt, begeistert wird nach „Paris“ die Zugabe erjubelt, bevor das Feuerwerk nach einer Stunde in karnevaleskem Percussiongewitter verglüht. Kolja Reichert

THEATER

Böse Bisse: „Störfall Boskoop“

beim Theaterdiscounter

Von welcher Sorte der verhängnisvolle Paradiesapfel war, mit dem das ganze Elend begann, darüber erfährt man in der Heiligen Schrift nichts. Das Performance-Trio „Landesbühne Berlin“ macht in seiner fröhlichen Sündenfall-Recherche, die jetzt im wiedereröffneten Theaterdiscounter Premiere hatte, hier zumindest dem Titel nach einen Vorschlag zur Obstgüte: „Störfall Boskoop“ heißt der Abend (wieder am 26. und 28. Juni), der dann allerdings weniger um Adams und Evas Geschmacksvorlieben kreist als vielmehr um unsere täglichen, sehr wirkungsvollen Glücksvermeidungsstrategien, die sich, wenn man’s denn glauben möchte, auf die leidige Begegnung mit der Schlange zurückführen lassen.

Die Landesbühnen-Spieler Silke Buchholz, Angelika Hofstetter und Mirko Böttcher begreifen das Leben als fortwährendes Krisenmanagement, das unserer Sehnsucht nach ein bisschen Geborgenheit im Garten im Wege steht. Im ersten Teil ihrer selbst verfassten und inszenierten „Störfall“-Collage entwerfen sie – inmitten eines quietschbunten Friedhofs der Kuscheltiere – die Utopie einer ungetrübt harmonischen Welt. Erzählen von Luft und Liebe, vom Kanarienvogel der Kindheit, vom besten Sex aller Zeiten – was so komisch und absurd wirkt wie eine Zeitung, die ausschließlich aus guten Nachrichten besteht. Dann folgt der Biss in den Apfel, und die Stimmung kippt. Die drei giften sich an, der Pessimismus der Aufklärung schlägt durch. Obwohl dabei der unter Performern übliche Mitmach-Zwang herrscht, ist der Abend doch sehr unterhaltsam und besitzt durchaus Erkenntniswitz. Patrick Wildermann

BAUKUNST

Arme Architekten: Eine Diskussion über den Sinn von Wettbewerben

So einfach geht Baukultur: Im fairen Wettbewerb streiten Architekten chancengleich und anonym um das beste Konzept für eine Bauaufgabe. Und am Ende kürt eine kluge Jury das schlüssigste Konzept, das qualitätvolle Architektur sicherstellt. Im Rahmen der Diskussionsreihe „Baukunst im Dialog“ der Schweizer Botschaft sangen die Podiumsteilnehmer aus der Schweiz und Deutschland unisono das Hohelied des Architektenwettbewerbs. „Es ist der Wettstreit der Besten um Qualität“, unterstrich Burkhard Pahl vom Bund Deutscher Architekten.

Doch es wurde schnell klar, dass die Realität anders aussieht – vor allem in Deutschland: Durch EU-Bestimmungen verkompliziert, ist der einst freie Wettbewerb nur noch ein Mythos. „Ein solches Wettbewerbswesen wünschen wir uns in der Schweiz nicht“, unterstrich der Präsident des Schweizerischen Ingenieur- und Architektenvereins SIA, Daniel Kündig. Jeder Wettbewerb, da waren sich die Diskutanten einig, ist nur so gut wie die Auslobung. Und politische Einflussnahme ist der Tod jedes Wettbewerbs. Doch bereits im Berlin der neunziger Jahre trieb das Spiel „sag mir, wen du in die Wettbewerbsjury setzt, und ich sage dir, welcher Architekt gewinnt“ bekanntlich seltsame Blüten.

Ohnehin brauchen gerade kleine Büros viel Durchhaltevermögen, wie der Architekturkritiker Andreas Ruby in seiner Moderation betonte: „In Deutschland verwendet ein Architekturbüro im Durchschnitt 5000 Arbeitsstunden darauf, um an zehn Wettbewerben teilzunehmen, von denen dann einer gewonnen wird.“ Da verwundert es nicht, dass der Job des Architekten zu den am schlechtesten bezahlten akademischen Berufen in Deutschland gehört. Doch Wettbewerbe haben auch ihren Charme. Marco Graber vom Zürcher Architekturbüro Graber Pulver schätzt das konzentrierte Arbeiten in der Klausur-Situation der Wettbewerbe.

Die meisten Bauten, an denen Graber Pulver arbeiten, sind aus Wettbewerben hervorgegangen. So auch ihr bemerkenswerter Entwurf von 2008 für die Erweiterung des Ethnographischen Museums in Genf, mit seinem hohen Dachgiebel und der ungewöhnlichen Raumaufteilung. Welche architektonische Qualität durch Wettbewerbe generiert werden kann, zeigen Graber Pulver mit ihrer Ausstellung „Close-up“ in der Architekturgalerie Aedes am Pfefferberg (Christinenstraße 18–19, bis 30. Juli 2009). Und weil jeder Wettbewerb nur so gut ist wie der beste Beitrag, hat die Baukulturnation Schweiz derzeit im Vergleich zu Deutschland die architektonische Nase deutlich vorn. Jürgen Tietz

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