Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Daniel Wixforth

OPER

Schweinisch: „Gloria von Jaxtberg“

im Admiralspalast

Bayerische Folklore ist für den Preußen ohnehin schwer zugänglich. Aber im Deckmantel künstlerischer Avantgarde? Kaum vorstellbar. HK Grubers Oper „Gloria von Jaxtberg oder das Gegenteil von Wurst ist Liebe“ wagt die Synthese im Studio des Admiralspalastes (wieder am 25., 26., 27. und 28. Juni, 19.30 Uhr). Im Mittelpunkt der Produktion der Berliner Kammeroper steht das Schwein Gloria, das statt Borsten goldene Locken trägt und daher vom Saustall verstoßen wird: „Das deutsche weiße Edelschwein ist rein und klar wie Edelstein.“ Soso.

Das Plot-Rezept ist so einfach wie vielversprechend: eine Prise Rassismus, etwas von Orwells „Animal Farm“, das alles zubereitet mit einem Schuss Brecht’scher Epik. Fertig ist der Schweinebraten. Nur: Gut gewürzt ist anders. Im ersten Akt verspielt das Libretto von Rudolf Herfurtner die Chance, die Dramaturgie aus dem Käfig zu befreien. Nach der Pause werden die Szenen exaltierter, mitreißen kann aber auch der zweite Akt nicht. Sopranistin Gudrun Sidonie Otto verkörpert die Gloria schauspielerisch mit Hingabe, gesanglich leidet sie indessen unter Grubers quietschender Neo-Volksmusik. Die Tuba brummt in Vierteln, dazu möglichst viele Dissonanzen in den Klarinetten und zwei Schlagzeuger, die das Metrum verschleiern. André Hammerschmieds Bemühungen, das Bestmögliche aus dieser Partitur rauszudirigieren, sind nur bedingt wirkmächtig. „Das ist ja wohl das Mindeste“, prangt in großen Lettern über der letzten Szene. Viel mehr aber leider nicht. Daniel Wixforth

POP

Überirdisch: Die Fleet Foxes

in Huxley’s Neue Welt

Trotz der Konkurrenz durch die Fête de la Musique ist Huxley’s Neue Welt beim dritten Berlinkonzert der Fleet Foxes binnen Jahresfrist gut besucht, was viel über die Beliebtheit des Quintetts aus Seattle sagt. Schon der Opener „Sun Giant“ lässt keinen Zweifel daran, woran das liegt: der Gesang! Es gibt etliche junge, meist amerikanische Rockbands, die den mehrstimmigen Gesang wiederentdeckt haben. Doch keiner gelingen solch überirdische Harmonien wie den Fleet Foxes. Hinter archetypischen Titeln wie „White Winter Hymnal“ oder „Sun It Rises“ verbergen sich luftig um die flirrenden Gesangssätze drapierte Song-Texturen. Die Instrumentierung bleibt akustisch, solistische Aufgeregtheiten werden vermieden. Robin Pecknold darf als Leitstimme zwar ein paar Songs solo zur Gitarre anstimmen, wirkt aber jedes Mal erleichtert, wenn seine Kollegen zurückkehren. Nach gut 80 Minuten vereinen die Fleet Foxes ihre Stimmen nochmal zum majestätischen „Blue Ridge Mountains“. Danach kann einem der Regen draußen auch nicht mehr die Laune verderben. Jörg Wunder

KLASSIK

Geistreich: Ragna Schirmer

im Konzerthaus

Es ist die Ungnade der frühen Geburt, dass Haydn bei Klavierabenden fast immer am Anfang steht. Darum ist es schon ein Zeichen, dass er diese Position beim Konzert von Ragna Schirmer im Kleinen Saal des Konzerthauses gleich zwei Mal einnimmt: vor und nach der Pause. Wie diese Pianistin auch sonst nicht auf grelle Effekte angewiesen ist, um zu beweisen, dass Haydn für sie Chefsache ist. Sie spielt ihn in der Schule ihres legendären Lehrers Karl-Heinz Kämmerling: diszipliniert, mit locker purzelnden Bleikügelchen in Armen und Fingern und einer intelligenten Phrasierung, die bei aller Energie nie das Sentimentale streift. Ob in den zu selten gespielten f-Moll-Variationen mit ihren schizophrenen zwei Themen oder in der großen C-Dur-Sonate Hob. XVI:50, Schirmers Haydn ist mit sich und dem modernen Klavier im Reinen.

Und so hält er es auch aus, dass die Pianistin, nachdem sie dem kecken Thema der D-Dur-Sonate Hob. XVI:37 ein paar Teufelshörnchen aufgesetzt hat, für einen kurzen Moment die Konzentration verlässt. Auf ein deftiges „All Ongarese“, wie man es oft bei Haydn findet, verzichtet Ragna Schirmer, um diesen Part Bartóks Improvisationen op. 20 und Liszts Ungarischen Rhapsodien Nr. 7 und Nr. 8 zuzuweisen. Diese könnte man sich trotz technischer Meisterschaft und musikalischer Durchdringung noch klangfarbenreicher und Liszt noch etwas unseriöser vorstellen. Wobei die Art, wie Schirmer die Phrasen der fis-Moll-Rhapsodie motivisch ernst nimmt, auch ein Zeichen dafür sein mag, dass Haydns Geist auch am Ende des Programms den Saal noch nicht verlassen hat. Carsten Niemann

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