Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg Königsdorf

KLASSIK

Granithafter Grübler:

Jewgenij Kissin in der Philharmonie

In den letzten Jahren hat er sich seinen Beethoven erkämpft, doch diesmal geht Jewgenij Kissin wieder ans Eingemachte. Mit Chopin und Prokofjew hatte er Mitte der achtziger Jahre seinen Anspruch angemeldet, zur Pianistenelite gezählt zu werden. Und wenn jetzt, nach einem knappen Vierteljahrhundert, die gleichen Komponisten auf dem Programm seines Recitals in der nahezu ausverkauften Philharmonie stehen, weckt das unwillkürlich die Erinnerung an die blendenden Auftritte des zierlichen Teenagers. Nicht immer zu Kissins Vorteil: Vom unbekümmerten Zugriff, mit dem er einst durch Prokofjews Sonaten stürmte, ist nicht mehr viel übrig. Stattdessen lotet der 38-Jährige die beiden ersten Sätze der achten Sonate im Zeitlupentempo aus, spielt das Stück ganz aus der Perspektive seines grüblerisch-granitenen Beethoven-Stils und verfehlt so die Doppelbödigkeit der trügerischen Idyllen und des aufgekratzten Finales. Ein bröckelndes Monument aus den Zeiten des Kalten Krieges.

Es ist daher klug, dass Kissin ans Ende seines Klavierabends eine Gruppe von Chopin-Etüden gesetzt hat. Große Gestaltungsfragen stellen sich hier nicht: Wer Stücke wie die beiden ersten Etüden aus Opus 10 spielen kann, hat schon gewonnen. Und Klavier spielen kann Kissin so gut wie kaum jemand sonst – nachdem ihn eine etwas krümelige Polonaise-Fantasie und drei schön ausgehörte Mazurken noch auf der tastenden Suche nach Ausdruck gezeigt haben, kann er in den Etüden als Virtuose triumphieren. Und da ist er noch genauso gut wie vor fünfundzwanzig Jahren. Jörg Königsdorf

ROCK

Alles, was glitzert, ist Gold:

Die Pretenders im Kesselhaus

Chrissie Hynde hat die letzten dreißig Jahre blendend überdauert und sieht mit 57 fast unverändert aus, als sie auf die Bühne des Kesselhauses springt, hinreißend mit ihren schwarzen Strubbelhaaren, taubenblauer Weste über ärmellosem Hemd, Jeans und kniehohen Stiefeln. Immer noch das ultimative „Rock ’n’ Roll Girl“. Sie ballert heftige Akkorde in eine goldglitzernde Telecaster und singt „Boots Of Chinese Plastic“, Hommage an Dylans „Boots Of Spanish Leather“. Die erotische Altstimme ist so kraftvoll und dynamisch wie früher, mit dem speziellen Tremolo, das sie so besonders macht: „I’m special, so special, I gotta have some attention, give it to me“, singt sie später.

Die Aufmerksamkeit der Zuhörer hat sie ab dem ersten Song, und das wird sich die folgenden eindreiviertel Stunden nicht mehr ändern.

Martin Chambers, neben der Sängerin einziger Überlebender der Pretenders-Urbesetzung, hämmert sehenswert in sein Schlagzeug, kraftvoll, elegant. Und die Pretenders rattern sich durch eine erlesene Songauswahl, bis hin zum neuen Album „Break Up The Concrete“. James Wallbourne brilliert zum steinigen Rock ’n’ Roll von „Rosalee“ mit einem leidenschaftlich gerupften Gitarrensolo und bei „Thumbelina“ mit rasenden Country-Läufen à la James Burton. Eric Heywood gibt den Songs mit der Pedal eine hübsche Country-Note, und Nick Wilkinson in schwarzem Cowboyhemd trägt den Bass tief und den Kopf hoch. Dazwischen wuselt Hynde, charmant, sexy, stimmgewaltig. „Ein Rätsel?“, fragt sie: „Muswell Hill? And a great songwriter?“ – „Ray Davies!“, ruft’s aus dem Saal, natürlich, und da sind auch schon zwei seiner Songs: „I Go To Sleep“ und „Stop Your Sobbing“. „Break Up The Concrete“, singt Chrissie, Maracas schüttelnd, zum rasanten Bo-Diddley-Beat.

Und da sind immer noch so viele Unsauberkeiten, Ecken und Kanten, dass es roh bleibt und nicht in polierter Routine verkommt.Was sagte Neil Young über Chrissie Hynde? „She’s got it in her heart.“ So ist es. H.P. Daniels

KLASSIK

Verzehrendes Vibrato:

David Garrett in der Deutschen Oper

Was so ein Pferdeschwanz und ein lässig-ungepflegter Dreitagebart doch alles vermögen. Die Deutsche Oper ist ausverkauft, erwartbar viele Teenager in Jacket und Jeans sind darunter, doch sind sie nicht wegen Yves Abel und dem Orchester der Deutschen Oper gekommen, sondern wegen der zwei kurzen Stücke, die ihnen David Garrett mitgebracht hat, bevor er nach der Pause gleich wieder zum Flughafen muss.

Das Poème von Ernest Chausson wird unter seinen Fingern allerdings vom filigranen Gedicht zur resoluten Behauptung, Garretts fester, harter Strich macht das Stück glasklar und geheimnislos, gegen Ende wird sein Spiel blass und verliert jeglichen Ausdruck. Mehr Gefühl legt er in die Meditation aus Massenets Oper „Thais“, wo er mit verzehrendem Vibrato tatsächlich so etwas wie Weltvergessenheit zu empfinden scheint. Dass er seine Technik stupend beherrscht, zeigt er bei den Zugaben, einer doppelgriffreichen Sarabande von Bach und einer freien Version des Liedes „Mein Hut, der hat drei Ecken“. Das ist ganz nett anzuhören, aber wieso sich deswegen in der Pause Hunderte anstellen müssen für ein Autogramm, bleibt schleierhaft. Aber auch wer allein wegen der Musik gekommen ist, wird belohnt. Das Orchester befeuert die etwas arg um sich selbst kreisende Symphonie d-Moll von Chaussons Lehrer César Franck mit trennscharfen Tutti und unterschwelligem Streicherflimmern. Abel, der sich als Erster ständiger Gastdirigent in den letzten Jahren zu einer festen Bank des Hauses entwickelt hat, gestaltet die Klangmassen souverän. Und das ganz ohne Pferdeschwanz. Udo Badelt

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