Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Simone Reber

KUNST

Pochender Irrsinn: Neo Rauch spricht in der Neuen Nationalgalerie

Das Duo hat Popqualitäten: der Leipziger Maler Neo Rauch, im schwarzen Anzug mit gelbem Einstecktuch. Und Werner Spies, der ehemalige Leiter des Pariser Centre Pompidou, ein Kenner der französischen Surrealisten-Szene. Der Anachronismus ist das Markenzeichen Rauchs, sein Bild „Fluchtversuch“ von 2008 bildet den Schlusspunkt in den „Bilderträumen“ der Sammlung Pietzsch in der Neuen Nationalgalerie. Neo Rauch also ein Nachfahre von Max Ernst, Magritte oder Dalí? Deren Bilder, erzählt der Maler, habe er als 12-Jähriger erstmals in Knaurs „Lexikon moderner Kunst“ entdeckt. „Das schlug durch bis auf den Grund.“ Doch das Gespräch im Foyer des Mies-van-der- Rohe-Baus offenbart eher Unterschiede als Gemeinsamkeiten.

Während Spies zurückschaut auf eine Revolution, die Literatur, Kunst und Politik vereint habe, schöpft Neo Rauch aus dem Material der DDR. „Eine nährstoffreiche Region, die bis heute trägt“, sagt er. „Man braucht das Gefühl des Behaustseins, des Heimeligen.“ Bei den Surrealisten hingegen habe er „das dunkle Pochen des Irrsinns genossen“. Mitunter spürt man leise Zweifel bei Spies. Wenn er etwa Rauchs Frauendarstellungen anspricht oder seine Beschäftigung mit Ernst Jünger. Da wünscht man sich klare Fragen. So amüsant der Abend verläuft, die beiden lassen sich zufrieden in ihren Universen gewähren. In der Milde liegt der Erfolg ihrer Show. Simone Reber

KLASSIK

Ungepudert: Kristian Bezuidenhout im Park Sanssouci

An einem lauen Sommerabend reist Joseph Haydn nach Sanssouci. Mit Skepsis verfolgt das Publikum im Ovidsaal der Neuen Kammern, wie sich der korrekt gepuderte Österreicher an ein kostbares Hammerklavier setzt. Woher die Skepsis? Nun, einerseits schätzt man den braven Mann als witzigen Kopf und Architekten klassisch geformter Werke. Doch kann er der träumerischen Stimmung gerecht werden, die einen zwischen den friderizianischen Rocaillen des Saals und dem süßen Duft des Parks beschlichen hat? Haydn, der sich seinen eigenen Sonaten und Variationen über den Vortrag von Stücken seines Lieblingsklavieristen Carl Philipp Emanuel Bach sowie zweier, in Bachs Geist gespielter Sonaten Domenico Scarlattis genähert hat, tut das Unerwartete: Er öffnet sein verträumtes Innerstes.

Am nächsten Morgen stammelt man von Vorhaltsbildungen, die vom überraschenden Piano ins noch überraschendere Pianissimo führen. Man doziert über eine frappierende Differenzierungskunst im Mezzoforte, von einer aus der Kenntnis der Kunst der freien Fantasie kommenden Einsicht in die Interpration von Werken des 18. Jahrhunderts und von poetischen Pedaleffekten mit historischen Kniehebeln. Wie uns der natürlich ungepudert zu den Musikfestspielen in Sanssouci erschienene Pianist Kristian Bezuidenhout für zwei Stunden glauben machen konnte, dass der Pianospieler mit der frühromantischen Seele tatsächlich Haydn war, bleibt dennoch ein Wunder. Wer es erleben will, sollte sich an diesem Donnerstag im Kammermusiksaal der Philharmonie Haydns Klavierkonzerte anhören. Da spielt er um 20 Uhr noch einmal. Carsten Niemann

POP

In der Wohlfühlblase: Moby

im Heimathafen Neukölln

Bescheidener Rahmen für einen Musiker, der gut 20 Millionen Platten verkauft hat: Bei Mobys Auftritt ist der Heimathafen Neukölln zwar ausverkauft, mit vielleicht 500 Zuschauern aber nicht gerade überfüllt. Moby wirkt wie die Antithese zum glamourösen Popstar. Ein glatzköpfiges Männlein, das asketisch auf der Gitarre schrubbt und verkniffen die Einsätze der fünfköpfigen Band beargwöhnt. Dabei kann sich der 43-Jährige auf seine (bis auf den Schlagzeuger) weibliche Begleitung verlassen. Routiniert übersetzen sie fluffige Dancefloor-Grooves in handfestere Pop-Formate, was nicht jedem Stück zum Vorteil gereicht. So wird das irisierende „We’re all made of Stars“ mit einer metallischen Disko-Partitur überschrieben und zu einem lärmenden Finale geführt.

Den größten Jubel ernten Mobys Hits aus den späten Neunzigern: Songs wie „Natural Blues“ oder „Porcelain“ waren der Wohlfühl-Soundtrack zur Dotcom-Blase, transportierten in ihrer Melancholie indes schon die Ahnung des Absturzes. Ähnlich retrospektiv gerät sein erster Hit „Go“, der als muskulöses Rave-Monster wiederaufersteht und an vergangene Partyausschweifungen erinnert. In den Zugaben widmet sich Moby seiner Vorliebe für Coverversionen: Neil Youngs „Helpless“ wird mit Pathos zelebriert. Beim abschließenden „Honey“ nötigt Moby die stimmgewaltige Joy Malcolm, zu einem bluesigen Solo zu improvisieren. Die Dame entledigt sich der Pflicht mit der Wucht einer routinierten Soul-Röhre. Dagegen kommt keine Gitarre an. Jörg Wunder

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