Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg W,er

ROCK

Tief Luft geholt: Chris Cornell

im Columbia-Club

Auf dem Cover seines suboptimalen Albums „Scream“ schwingt Chris Cornell in zerstörerischer Absicht eine E-Gitarre über den Kopf. Doch der ikonoklastische Akt bleibt aus: Im locker gefüllten Columbia-Club hat der ehemalige Soundgarden-Sänger gleich zwei Gitarristen in seiner vierköpfigen Begleitband. Dafür ist der Titel der Platte wörtlich zu nehmen: Cornell, der mit schulterlanger Lockenpracht wieder so aussieht wie in den Neunzigern, beherrscht etliche Variationen geschrienen Gesangs. Er hat das brünftige Röhren von Bon Scott und die effeminierte Ekstase von Robert Plant drauf, aber auch die aggressive Kraftschreierei von Heavy-Metal-Sängern jüngerer Bauart. Seine Vokalkunst bietet Cornell mit dauerleidenschaftlicher Gesichtsverzerrung dar. Leider gehen durch die emotionale Übersteuerung die Nuancen flöten. Seine bizarre Soft-Metal-Version von Michael Jacksons „Billie Jean“ bleibt im grandiosen Ansatz stecken. Dass er durchaus ohne Geschrei singen kann, zeigt Cornell beim Solo-Intermezzo zur akustischen Gitarre. Sonst schwillt die Musik mitunter zu komprimiertem Klischee-Metal an, der auf den „Transformers 2“-Soundtrack passen würde. Immerhin als Ausdauerleistung ist Cornells Tour de Force bemerkenswert: Der 44-Jährige hält die zwei Stunden bis zum unvermeidlichen „Black Hole Sun“ ohne jeden Aussetzer durch. Das Bild des Abends bietet aber nicht der attraktive Grunge-Veteran selber, sondern seine Freundin: Die steht am Bühnenrand und knipst mit gelangweilter Miene Fotos ihres performenden Partners. Cooler geht’s nicht.Jörg Wunder

KLASSIK

Hoch kultiviert: Spectrum Concerts

im Kammermusiksaal

Nun ist die erste Saison der dritten Dekade zu Ende: Vor 21 Jahren rief Frank Dodge die Spectrum Concerts ins Leben, unzählige Elogen sind seitdem über die Qualität dieser Kammerkonzertreihe geschrieben worden, ihre hochmotivierten Musiker, Repertoireentdeckungen und die Brückenfunktion, die dieser Institution durch ihr Auftreten in Amerika zukommt. Als Koalition der Kultivierten beschreibt Habakuk Traber die Spectrum Concerts in einem rührenden Brief an Dodge. Einen Wermutstropfen gibt es allerdings im gut gefüllten Kammersaal der Philharmonie: Schönbergs Streichtrio, selten zu hören, musste vom Programm genommen werden, eine Schnittverletzung von Janine Jansen ließ die notwendige Probenzeit nicht zu. Stattdessen beginnt Maxim Rysanov den Abend mit Bachs 5. Cellosuite in der Transkription für Viola. Mit leichtem, fast gambenhaftem Strich, mit äußerer Zurückhaltung und innerem Feuer gibt er dem Werk die Aura edler Gesanglichkeit. Danach Brahms: Das Ensemble gibt das frühe Streichsextett und das späte Streichquintett, zwei Werke, die das gesamte Spektrum vom Volksliedhaften bis zum Symphonischen fordern. Traumhaft vor allem, wie frei und doch präzise die Musiker die Tempi gestalten. Einfach, weil jeder von ihnen zum richtigen Zeitpunkt die Initiative zu übernehmen weiß. Das sehr spezielle, beinahe beängstigend konzentrierte Publikum dieser Reihe ist wie immer begeistert. Ulrich Pollmann

ARCHITEKTUR

Breit aufgestellt: Zwei Projekte Zürcher Baumeister

Wer in der globalisierten Architekturszene reüssieren will, muss die räumliche Umgebung von Entwürfen ganz besonders in seine Pläne einbeziehen. Mit ihren beiden Bildungsbauten, die EM2N im Werkraum der Architektur Galerie Berlin vorstellen (Karl-Marx-Allee 96, bis 4. Juli, Di–Fr 14–19, Sa 12–16 Uhr), begibt sich das erfolgreiche Zürcher Architekturbüro von Matthias Müller und Daniel Niggli gleich auf doppelte Ortssuche. Mit Modellen, Beamerpräsentation und Schwarzplänen verdeutlichen sie dabei den Besuchern Struktur und Größenverhältnisse ihrer Projekte: Weil der Umbau der massiven Betonstruktur des „Toni-Areals“ in Zürich-West als wirtschaftlicher galt als der Abriss, entschied man sich für die Erhaltung der ehemaligen Milchfabrik, aus der EM2N nun die neue Hochschule für Bildende Kunst entwickeln. Hinter einer silbrigen Fassade aus Streckmetall soll künftig ein „innerer Urbanismus“ entstehen, der auf die heterogene Struktur der Umgebung antwortet. Ebenfalls für 3000 Lernende ist die Schule in der neu gegründeten Stadt Ordos in China gedacht. Hier greift der Grundriss weit in die Fläche aus. So entsteht eine „offene Lernlandschaft“ aus vorwiegend flachen Bauten, die sich um weite Plätze gruppieren. Und Stadt geht in Landschaft über. Jürgen Tietz

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben