Kultur : KURZ & KRITISCH

Volker Lüke

ROCK

Kreischende Mädchen:

Dir En Grey im Columbia Club

Da sind sie wieder: Bleich geschminkte Milchgesichter, hochtoupierte Buntfrisuren, angeklebte Wimpern, Netzstrümpfe, Schuluniformen – jede Menge entflammte Gothic-Lolitas, die im ausverkauften Columbia Club um die Wette kreischen, während ihre erklärten Lieblinge im sanftem Wiegeschritt auf die Bühne steigen. Dir En Grey heißt die Band aus Osaka, die seit zehn Jahren zur Spitze des Visual Kei gehört, einer japanischen Mischung aus Glamrock, Metal und Gothic, die fest in der Manga-Szene verwurzelt ist. Bei ihrem ersten Deutschlandauftritt vor vier Jahren mussten die Sanitäter noch reihenweise ohnmächtige Fans aus der Columbiahalle tragen. Wieder ballert die Band ihre Musik in den Saal, aber diesmal gibt es deutlich weniger Verluste. Das metallische Hochgeschwindigkeitsgebolze mit spannungsnotwendigen Bremseinlagen bewegt sich von drängender Ekstase über amokartige Bekenntnisse zu ruhigeren existentalistischen Pop-Nummern mit dunklen, schweren, geradezu honigtropfenden Texten („Die Erde saugt einem das Leben weg und verwandelt es in roten Dreck“). Im eindeutigen Mittelpunkt steht Sänger Kyo: Als krude Mischung aus Iggy Pop und Bill Kaulitz lässt er die Mädchen immer aufstöhnen, wenn er seinen durchtrainierten, wild tätowierten Oberkörper zeigt und die Stimmbänder vom gepressten Balladen-Heuler bis zum teuflischen Fauchen streckt. Dabei singt er scheinar zart von den Kirschblüten des Todes und den Farben des Regenbogens. Der Clou: Dir En Grey können gar nicht real sein. Denn das Leben nach Manga-Comic-Vorlage ist sehr, sehr bunt – zumal wenn da ein paar Seiten durcheinandergeraten sind. Volker Lüke

OPER

Kuschelige Ecke: Haydns

„Infedeltá delusa“ in Potsdam

Nachdem die Versuche, Haydns Opern auf die große Opernbühne zu hieven, zunächst nicht wirklich überzeugen konnten, versuchen’s die Potsdamer Musikfestspiele im Kleinen. Das Schlosstheater im Neuen Palais dürfte etwa die Ausmaße des Esterhazyschen Hoftheaters besitzen, in dem Stücke wie die 1773 geschriebene Burleske „L’Infedeltá delusa“ (die Vorstellungen heute und morgen sind bereits ausverkauft, Wiederaufnahme im November im Rahmen der Potsdamer Winteroper) uraufgeführt wurden. Und siehe da: In der heimeligen Wohnzimmeratmosphäre der Barockbühne sind Haydns Opernfiguren am rechten Platz. Alles passt: Nett will Haydns Musik mit ihrer versöhnlichen Schilderung von Liebesfreud und -leid und ihren behaglich parodierenden Späßen sein, nett ist die Geschichte, an deren Ende erwartungsgemäß zwei junge Paare den Ehesegen erhalten, und nett ist auch die Inszenierung. Schon Markus Meyers bunte Rasenstück-Tapete signalisiert, dass man hier nichts allzu schwer nehmen sollte, und auch Jakob Peters-Messers Regie versteigt sich nicht in komplexe Deutungsversuche, sondern versucht, die für kleine Gefühle oft eindeutig zu langen Arien Haydns mit anspruchsfreier Lustigkeit und volkstümelnden Gags über die Runden zu bringen. Das wirkt zwar manchmal etwas verkrampft – etwa wenn der arme Bauer Nanni zum Skaterboy wird und seine Schwester Vespina dauernd in Klarsicht-Plastiktüten herumkramen muss –, stört den Abend aber nicht ernstlich. Musikalisch ist man in Potsdam ohnehin auf der sicheren Seite – das Ensemble mit dem patenten Zofen-Sopran von Gemma Bertagnolli an der Spitze ist handverlesen, Dirigent Andreas Spering und seine Kölner Capella Augustina haben sich seit Jahren erfolgreich darauf spezialisiert, selbst aus Haydns harmloseren Werken ein Maximum an Donner und Witz herauszuholen. Was nicht heißen soll, dass man Haydns Opern unbedingt aufführen muss. Aber man kann. Jörg Königsdorf

KUNST

Kranke Kolosse: Monika Sosnowska erhält Robert-Jacobsen-Preis

Wie von Riesenfaust zerquetscht wirkte das Stahlskelett, das Monika Sosnowska 2007 in den polnischen Pavillon der Venedig-Biennale gezwängt hat. Im Maßstab 1:1 hatte die Künstlerin ein Trägermodul nachbauen lassen, in das bei sozialistischen Plattenbauten die Betonteile eingehängt wurden. Verbogen und gestaucht versuchte der Koloss seine Herrschaft zu behaupten. Es war diese Arbeit, die zur einstimmigen Entscheidung der Jury führte, den mit 15 000 Euro dotierten Robert-Jacobsen-Preis an Monika Sosnowska zu verleihen. Der Preis, nach dem berühmten dänischen Bildhauer benannt, wird alle zwei Jahre von der Stiftung Würth vergeben.

Modelle von Sosnowskas Skulpturen flankieren in der Firmenrepräsentanz auf der Insel Schwanenwerder die Preisverleihung am Donnerstagabend – zerbeulte sozialistische Fließbandarchitektur trifft auf krisengebeuteltes Unternehmensbewusstsein. Monika Sosnowska bediene sich „der Groteske visueller Fallenstellerei“ begründet Armin Zweite, Direktor des Museums Brandhorst, die Entscheidung der Jury. Die 36-jährige Künstlerin, schmal und sicher, strahlt stille Energie aus. Bei einer Reise durch Israel, erzählt sie, habe sie gerade wieder gemerkt, wie sehr sich die Geschichte einer Gesellschaft in ihren Häusern widerspiegele. In ihren begehbaren Skulpturen will Monika Sosnowska, die von heute an zudem neue Arbeiten bei Capitain Petzel zeigt, die Wirkung der Ästhetik auf das alltägliche Leben erfahrbar machen. Architektur funktioniert so als Prokrustesbett – bis die Künstlerin die Machtverhältnisse umkehrt. Simone Reber

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