Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Sybill Mahlke

KLASSIK

Vollendet: Rias-Kammerchor und Lothar Zagrosek im Konzerthaus

Abschied mit Blumen und Wein. Das Konzerthausorchester dankt seinem scheidenden Intendanten Frank Schneider für die Dienste ohne Zahl. Ehrenvoll, dass sich dem Sprecher der Vergleich mit Kurt Sanderling aufdrängt, dem ehemaligen Chefdirigenten, hinter dem alle anderen verblassen. Der Rias-Kammerchor ist zur Stelle, um die triumphale Spielzeit seines 60-jährigen Bestehens zu vollenden. Das feinstimmige Ensemble glänzt in der Publikumsgunst. Und da das Saisonfinale im Haydn-Jahr steht, entlässt uns eine Jubiläums-„Schöpfung“ in die Sommerferien.

Es ist ein geliebtes Ferienland, das im Konzerthaus Klang wird, aber ein verlorenes Paradies, nach dem jede Interpretation auf der Suche ist, unaufhörliche Tonmalerei. Kaum illustriert die Musik das Meer, Stürme, Sonnenaufgang, den Adler, den Löwen, Ross und Rind, „am Boden das Gewürm“, da sehen wir die Bilder vor Augen: als Schaffung einer wunderschönen Welt vor jeglichem Sündenfall. Lothar Zagroseks Neigung zu hyperaktivem Dirigieren wandelt sich in blitzende Energie, da der Chor und gefeierte Instrumentalsoli, ob Flöte oder Hörner, ihm hilfreich zur Seite sind. Und ein Terzett, das vom Blütenalter der Natur singt: Christian Elsner, ein Tenor zwischen Tamino und Siegmund, Georg Zeppenfeld, Wortinterpret mit tragendem Bass, und Ruth Ziesak, alles überstrahlend mit expressivem Sopran bis in die Triller der Nachtigall. Wiesenfrühlingsjubel. Unendlich fernes Ferienland. Verlockung einer Aufführung.Sybill Mahlke

KLASSIK

Angefixt: Herbert Feuerstein und

das RSB im Radialsystem

Mit dem Sommer ist das im Moment ja so eine Sache. Da kommt es gerade recht, wenn das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin seine Reihe „Feuerstein führt Klassik ein“ im Radialsystem unter dem Motto „Sonnenkraftwerk“ fortsetzt. Für das sonnige Gemüt ist Herbert Feuerstein zuständig, der mit einer Menge Populärwissen durchs Programm führt. Dass Prokofjews Suite „Ein Sommertag“ vor allem „eine politische Anweisung an die Jugend“ (Feuerstein) ist, scheint Markus Poschner allerdings zu bezweifeln. Sein Dirigat entlockt dem RSB innig-zarte Bewegungen und stellt die Entrücktheit in den Mittelpunkt. Auch sonst steht hier der Klassikeinführer eigentlich am Pult, nicht am Mikrofon.

Poschner gelingt es, bei Mendelssohns Sommernachtstraum-Ouvertüre ebenso wie bei Mussorgskis „Eine Nacht auf dem kahlen Berge“ einen verfolgbaren Mittelweg zwischen Sezieren und Exaltieren zu finden, der den Kenner vielleicht nicht immer voll befriedigt, den Neuhörer aber anfixt. Nur die umarrangierte Fassung von Gershwins „Summertime“ mit Tuba- und Heavy-Metal-Gesangssolo wirkt populär-überladen. Immerhin: Für die Klassik-Kabarett-Reihe erhalten die Beteiligten einen Preis der Initiative „Deutschland – Land der Ideen“. Feuerstein nimmt ihn euphorisch entgegen: „Ich freue mich, dass so ein Talent wie ich endlich entdeckt wurde.“ Daniel Wixforth

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