Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Simone Reber

KUNST

Tulpenblüten, Tempelsäulen:

Van de Velde im Bröhan-Museum

Die Welle schwappt über das Watt, umspült kleine Erhebungen und zieht sich wieder ins Meer zurück. Auf einem der ersten Bucheinbände von Henry van de Velde, einem Gedichtband seines Freundes Max Elskamp, ist noch die Bewegung des Wassers zu erkennen. Bald reduziert der Flame jedoch die Welle zum Ornament. Der Generalist Henry van de Velde ist in der Ausstellung des Bröhan-Museums „Buchkunst. Vom Jugendstil zum Bauhaus“ (Schloßstraße 1 a, bis 20. 9., Di– So, 10–18 Uhr) als Spezialist zu beobachten. Im Massenmedium Buch erprobte er seine Vision von der eleganten Gestaltung des ganzen Lebens. Als Kurator zeichnet der Verleger und Buchsammler John Dieter Brink die Entwicklung van de Veldes vom heiteren Illustrator zum strengen Utopisten nach.

Vor allem zeigt er ihn als peniblen Handwerker. Gemeinsam mit Harry Graf Kessler hat der Künstler zehn Jahre an der bibliophilen Ausgabe von Nietzsches „Also sprach Zarathustra“ gearbeitet. Von nüchternem Ernst zeugt noch der erste Entwurf, doch die Vorzugsausgabe für den Insel Verlag aus dem Jahr 1914 überschlägt sich im Pomp. Karmesinrote Lederintarsien bilden Tulpenblüten und Tempelsäulen – prunkvoll mit Gold umrandet. Das schwere Pathos des Textes verdichtet sich im Umschlag zu einer Bibel für den modernen Menschen. Wenn man dieser Ausstellung, die mit der Passion eines Liebhabers kuratiert wurde, bis in ihre Details hinein folgt, lassen sich die Finessen der Buchkunst erkennen, das ganze sinnliche Vergnügen an Farbe und Material. Da muss Google noch ein paar Jahre üben. Simone Reber

KLASSIK

Muschelhorn und Bohrmaschine:

United Berlin in der Villa Elisabeth

„Eppure si muove“ – „und sie bewegt sich doch“. So heißt das Stück, mit welchem das Ensemble United Berlin die Ehrung zum 75. Geburtstag von Vinko Globokar in der Villa Elisabeth in Berlin-Mitte beschließt. Zunächst bewegt sich hier der Komponist selbst, der auf einem Drehstuhl im Kreise seiner Mitspieler mit der Posaune Signale gibt. Frappierend, wie Tonstöße, Triller, Glissandi des Blechblasinstruments sich hier dem Klang von Harfe, Klavier oder Trompete anverwandeln können, wie auch deren Antworten chamäleonhaft die scharfkantigen Impulse aufnehmen und weiterentwickeln. Das Aufbrechen von Grenzen – nicht nur zwischen Dirigent und „autoritär“ geleiteten Musikern – war stets ein Anliegen von Globokar. Der Franzose slowenischer Abstammung erweiterte schon als Jazzposaunist das Spektrum seines Instruments und trieb der Neuen Musik in den siebziger Jahren mit Improvisation und instrumentalem Theater den theorielastigen Ernst aus – nicht ohne gesellschaftskritischen Hintersinn.

Heute noch überrascht die Frische und Lebendigkeit auch neuerer Werke. In „Eisenberg“ (1990) verdankt sie sich archaisch-exotischen Instrumenten wie Tibet- oder Muschelhorn, das auch einmal ein Hundebellen imitieren kann. Bei den „Geräuschinstrumenten“ fehlt auch nicht die sensibel eingesetzte Bohrmaschine. „Skelet“ (1995) stellt Violine, Schlagzeug und Klavier die arabische Kniegeige gegenüber. Der Farbigkeit und Intensität dieser Musik entspricht das Ensemblestück „Cihangir“, mit dem der palästinensisch-israelische Komponist Samir Odeh-Tamimi die Eindrücke der Stadt Istanbul musikalisch auffängt – ein lebhaftes, von „Muezzin-Rufen“ durchzogenes „Sprachgewimmel“, dem das Dirigat Ferenc Gabors Kontur und Konsistenz gibt.Isabel Herzfeld

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