Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg W,er

POP

Für Mitsinger:

Nouvelle Vague im Astra

Für Puristen sind Nouvelle Vague eine Zumutung: Ein paar Franzosen vergreifen sich an Punk- und New-Wave-Evergreens und bügeln deren anarchistisches Potenzial mit Bossa-Nova-trifft-Cirque-de-Soleil-Arrangements glatt. Es tut weh, wenn die extrovertierte Nadeah Miranda sich als Revolvermieze im Brigitte-BardotLook inszeniert oder wenn Melanie Pain den „No Future“-Refrain von „God save the Queen“ säuselt und das Publikum im ausverkauften Astra zum Mitsingen auffordert. Die Sex Pistols auf dem Kirchentag, schauderhaft!

Doch die sechsköpfige, von Marc Collin und Olivier Libaux dirigierte Formation überrascht auch mit spannenden Wiederentdeckungen. Nicht bei der Aneignung von Depeche-Mode-Gassenhauern, sondern bei weniger bekannten Songs entreißt sie großartige Musik dem Vergessen. Spätestens wenn sich ein paar Mädchen fragen, ob der Talking-Heads-Hit „Road to Nowhere“ aus dem Film „Bandits“ stammt, mag man den Nachhilfeunterricht nicht mehr allzu kritisch beurteilen. Irgendwann wird man von dem kollektiven New-Wave-Karaoke mitgerissen und grölt enthemmt den U2-artig mutierten Joy-Division-Klassiker „Love will tear us apart“ mit. Ian Curtis rotiert im Grab, Spaß macht’s trotzdem. Jörg Wunder

KLASSIK

Für Mitspieler: das World Doctors Orchestra in der Philharmonie

Dass der Hornist aus Deutschland kommt, der Trompeter aus der Schweiz, die Streicher aus Südafrika, Polen oder Australien, ist im Orchester keine Seltenheit mehr. Dass Mediziner ihrer Musikliebe nach Feierabend frönen, auch nicht. Dennoch ist das World Doctors Orchestra etwas Besonderes. Zum einen widmen sie ihr Musizieren in der Philharmonie einem guten Zweck – einer Poliklinik bei Johannesburg und dem Berliner Behandlungszentrum für Folteropfer. Zum anderen können die aus aller Welt Zusammengetrommelten für die Proben gerade mal eine halbe Woche erübrigen.

So kann man die Einmütigkeit und Spielfreude nur bewundern, mit der die gut 100 Ärzte unter Leitung von Stefan Willich Mahlers Fünfte stemmen. Gewiss, die Präzision und Transparenz eines Berufsorchesters darf man nicht erwarten. Doch der Direktor des sozialmedizinischen Instituts der Charité, der seine Dirigierstudien bei Celibidache vervollkommnete, weiß, was er will, spannt bei Mahler den großen Bogen mit geschmackssicherer Emphase, lenkt behutsam durch alle Fährnisse und kann sich auf nervenstarke Solospieler stützen. Das berühmte Adagietto erhält mit unsentimentaler Wärme und kluger Tempogestaltung seine Unschuld zurück. Wie heikel dagegen Mozart ist, erweist sich zu Beginn der Sinfonia Concertante: Tanja Becker-Bender versucht sich in aufgesetzter, die Tempi überstrapazierender Violinvirtuosität, während die Bratscherin Aida-Carmen Soanea ruhigere Töne dagegensetzt. Show, in welcher Form auch immer, vertreibt Mozarts Sensibilität. Isabel Herzfeld

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