Kultur : KURZ & KRITISCH

Daniel WixforthD

KLASSIK

Katholische Luft: Rias Kammerchor in der Gemäldegalerie

Peter Dijkstra ist ein leidenschaftlicher Perfektionist. Als er sich in der ungewohnten Umgebung der Gemäldegalerie an das Publikum wendet, hat der Rias Kammerchor bereits 20 Minuten gesungen. Die Akustik habe sich durch die Anwesenheit der Zuhörer um Nuancen verändert, deshalb bittet der Niederländer nun – mitten im Konzert – um Erlaubnis, seinen Sängern neue Anweisungen geben zu dürfen. Grobe Klangveränderungen sind danach allerdings nicht auszumachen. Zum Glück. Wie der Chor die alten und neuen geistlichen Werke interpretiert, ist Glanzstück bereits von der ersten Minute an. In Maurice Duruflés 1960 entstandenen „Quatre Motets sur des thèmes grégoriens“ entstehen vokalpolyphone Flüsse von berauschender Klarheit. Die gestochene Schärfe der Bässe in der ersten Motette ist nur einer der herausragenden Aspekte. Dann die alten Meister: Ausgewählte Passagen aus den Messen von Antoine Brumel und Nicolas Gombert, in denen Dijkstra den Stimmgeflechten unendlich viel Luft gibt, ohne dabei die klerikale Strenge je aufs Spiel zu setzen. So entsteht eine organisch-musikalische Brücke vom frühen 16. ins 20. Jahrhundert, die nach der Pause absichtsvoll modernen Einsturzgefahren ausgesetzt wird. Ton de Leeuws „Car nos vignes sont en fleur“ von 1981 vertont Verse aus dem biblischen Hohenlied im Bruch zur Tradition: lautmalerisch, atonal, fraktal. Dennoch lässt Dijkstra die Solisten des Chores die Avantgarde immer wieder mit sakralen Intermezzi kontrapunktieren. Versöhnend beschließt Poulenc den Abend als harmonische Entdeckungsreise im tradierten Formkorsett. Auch hier: Katholizität in ästhetischen Sphären. Daniel Wixforth

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