Kultur : KURZ & KRITISCH

Jens Hinrichsen

KUNST

Ein Gedanke, eine Provokation: 100 beste Plakate im Kulturforum

Guck mal, wer da wirbt. Für Imbissketten, Initiativen, Inszenierungen. Im Foyer vor der Kunstbibliothek wächst ein Schilderwald, der die imponierende Qualität der Plakatgestaltung in der Schweiz, in Österreich und Deutschland demonstriert. „100 beste Plakate 08“ wurden im Rahmen dieses Wettbewerbs ausgewählt, der seit 1990 veranstaltet wird. Zum dritten Mal arbeitet der Verein „100 beste Plakate“ mit der Kunstbibliothek zusammen, deren Plakatkollektion bis zurück ins 19. Jahrhundert als eine der wichtigsten Sammlungen ihrer Art gilt (Kulturforum Potsdamer Platz, bis 19.7., Di-Fr 10-18, Do 10-22, Sa u. So 11-18 Uhr).

Von zwei Hauptkriterien hat sich die Jury leiten lassen, wie in dem schönen Begleitbuch nachzulesen ist (34,80 €). Die Vorsitzenden Bastien Aubry und Dimitri Broquard nennen „einen Gedanken, ein Lächeln, eine Provokation“ als Forderung an ansprechende Entwürfe. Aber ohne funktionierende Schriftgestaltung könne man auch die visuelle Idee vergessen. Der hohe Anteil an rein typografischen Plakaten ist allerdings erstaunlich. Sebastian Ristow verzerrt und zerschneidet Buchstaben für ein starkes „Lost in Translation“-Filmplakat, das im Hochschulkontext entstand. Der Designernachwuchs kann mithalten, so auch Benjamin Scheurer von der Kunsthochschule Bern: Ein Bündel Strohhalme bleibt kurz unter dem Rand eines halbvollen Wasserglases stecken. 800 Millionen Menschen hätten keinen Zugang zu Trinkwasser, teilt der kleingedruckte Text mit, doch nur das Bild sagt es mit Nachdruck. Jens Hinrichsen

THEATER

Effektzirkus: Shakespeares „Sturm“ im Hexenkessel Hoftheater

Wenn Berlins Kalauer-Truppe Nummer eins Shakespeares „Sturm“ gibt, darf die Dschungelcamp-Anspielung natürlich nicht fehlen. „Ich bin ein kleiner Prinz – Holt mich hier raus!“, wimmert Carsta Zimmermann als Prinz Sebastian, der mit seinen Gefährten auf Prosperos Insel gestrandet ist. Prospero, einst um den Thron betrogen, nutzt die Gelegenheit zur Rache und schickt seine Feinde auf einen psychedelischen Zaubertrip. Mit ihnen irrt leider auch Jan Zimmermanns Inszenierung durch manche Länge.

Sonst auf schmissige Komödien gebucht, wagt sich das Hexenkessel Hoftheater an Shakespeares Alterswerk (wieder am 9., 10. u. 11. 7, jeweils 21 Uhr 30, Monbijoustraße), ein Schwergewicht ohne die gewohnten heiteren Schlagabtausche. Statt flottem Spiel mit doppelten und dreifachen Böden herrscht hier magisch-surrealer Effektzirkus. Es sieht toll aus, wenn die Feinde in Rot durch den metallenen Designervorhang kippen oder Luftgeist Ariel als Artistenduo in Gepardenkostümen durchs Trapez schwebt. Andreas Köhler gibt den Prospero als besessenen, graumähnigen Guru. Aber warum brüllt er so einfühlsam? Warum bricht er die Michael-Jackson-Einlage so früh ab? Warum rezitiert Carsta Zimmermann Rilke unterm Regenschirm? Was ist gewonnen, wenn Prospero, Alter Ego des Dichters, nur ein Irrer ist? Eine wilde Nummernrevue wäre hier die bessere Wahl gewesen. Einst mussten Gauklereinlagen das Publikum im Theater halten. Hier halten die Artisten den Abend zusammen. Ensemble-Mitglied Ina Gercke, die in nur drei Monaten zur Trapezkünstlerin wurde, bekommt denn auch den größten Applaus. Kolja Reichert

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