Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Volker Lüke

ROCK

Wildes Kabelwirrwarr: Guillermo Scott Herren im Magnet

Dies ist ein Durcheinander und Chaos; ein prall zugestopfter Sack, von dem man nicht genau bestimmen kann, was drin ist. Manchmal klingt es wie ein perverses Hip-Hop-Experiment von Aphex Twin, dann wieder wie Kanye West, der in einen Stapel Progrock-Platten gefallen ist. Schatten des Freejazz, R&B, Elektro und Exotica-Geblubber – da steckt alles drin, in diesen zappeligen Beat-Konstruktionen von Guillermo Scott Herren, der aus der Hip-Hop-Szene von Atlanta stammt und seit zehn Jahren als Prefuse 73 mit ausgefeilter Zapping-Technik den kleinstmöglichen Einheiten im umfassenden Groove-System nachforscht. Auf seinem fünften Album „Everything She Touched Turned Ampexican“ (Warp) fackelt der Schnipselmeister 29 Tracks in 40 Minuten ab. Bei der Live-Präsentation im Magnet wird Herren lediglich von einem Mitstreiter am Laptop und diverser Bruzzel- Elektronik unterstützt, die mit wildem Kabelgewirr auf einem Tisch verteilt ist. Manchmal zirpt es süß wie der Sommerwind, um im nächsten Augenblick voll bösem Grollen das Unwetter einzuleiten. Als hätte ein Besessener alle Geräusche seiner umfangreichen Plattensammlung mit sich selbst multipliziert und gäbe sie nun im Zeitraster eines Popsongs wieder. Das macht einen zunächst nervös und dann völlig irre. Gerade, wenn man sich in einem Anfall die Armbeugen zerkratzt, wird man begeistert feststellen: Was für ein herrliches Durcheinander! Volker Lüke

KLASSIK

Oh, Lord: Der Australian Chamber Choir in der Epiphanienkirche

So funktioniert moderner Kulturaustausch: Ein 14-köpfiger Chor fliegt knapp 16 000 Kilometer von Melbourne nach Berlin, um dem hiesigen Publikum die australische Sicht auf Bach, Messiaen, oder britische Renaissancekomponisten vorzuführen. Zeitgenössische Werke aus Down Under vervollständigen den musikalischen Perspektivenwechsel. Dass dieses Konzept nur eine Handvoll Interessenten in die Charlottenburger Epiphanienkirche lockt, ist wohl berlinspezifisch zu erklären. Selbst in der Spielzeitpause der großen Ensembles mangelt es nicht an kulturellen Konkurrenzveranstaltungen. Der Australian Chamber Choir unter Leitung von Douglas Lawrence lässt sich davon nicht beeindrucken, beginnt selbstbewusst mit einer vierstimmigen Messe William Byrds aus dem 16. Jahrhundert. Ebenfalls berlinspezifisch: die hohen Erwartungen an interpretatorischen Feingeist und klangliche Qualität solcher Darbietungen. In Byrds Messe wie auch bei Bach können die Australier diesen Ansprüchen nicht genügen. Technisch überzeugend, leidet die Polyphonie doch zu sehr am Mangel dynamischer und charakterlicher Abstufungen. Anders bei den australischen Zeitgenossen: In Andrew Batterhams „Weaving Hochkirk“ zeigt der Chor Gospel-Qualitäten, begeistert mit einer ordentlichen Portion Soul. Daniel Wixforth

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