Kultur : KURZ & KRITISCH

Maxi Sickert

JAZZ

Nordafrikanisch: der Pianist Joachim Kühn bei der Pyromusikale

Zuerst ist auf großen Bildleinwänden nur das Gesicht des Pianisten Joachim Kühn, mit Sonnenbrille und wehendem Haar, zu sehen. Im Rahmen des Feuerwerksfestivals Pyromusikale auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Tempelhofs beugt er sich über die Tasten, neben ihm stehen buntgekleidete Musiker mit traditionellen marokkanischen Instrumenten. Für Kühn, der noch wenige Tage vorher mit dem Saxofonisten Archie Shepp in Paris probte, ist es eine Premiere. Zum ersten Mal in Deutschland spielt er mit seinem nordafrikanischen Trio, das er vor fünf Jahren mit dem Majid Bekkas aus der malischen Salif-Keita-Familie in Benin gründete, einem Virtuosen der dreisaitigen Guembri-Laute mit ihren tiefen Tönen. Gerade ist das zweite, in Rabat aufgenommene Album bei ACT erschienen. Damit auch die beiden anderen Musiker aus dem Volk der Gnawa einfliegen konnten, musste erst die Botschaft eingeschaltet und Sicherheitskonten eröffnet werden, aus Sorge, die Afrikaner könnten als Flüchtlinge in Deutschland bleiben. Kühn improvisiert zu den traditionellen Rhythmen unter Verwendung des von ihm entwickelten „Diminished Augmented System“, das auch seiner letzten Solo-CD den Titel gegeben hat. Doch das Trio und seine Gastmusiker, unter ihnen der in Berlin lebende Balafon-Spieler Ali Keita, findet nicht zu einer konzentrierten Form. „Out of the Desert“, die aktuelle CD des Trios, besitzt da eine ganz andere Dichte. Maxi Sickert

POP

Sonniges Solo: Roger McGuinn in der Passionskirche

Punkt acht kommt Roger McGuinn aus der Sakristeitür der Passionskirche, mit seiner roten 12-saitigen Rickenbacker-Gitarre und dem „Jingle-Jangle“-Erkennungssound. Der dünne Mann in Komplettschwarz – Hut, T-Shirt, Lederweste, Jeans, Cowboy-Stiefel – geht ans Mikro und singt „My Back Pages“ von Bob Dylan: „I was so much older then, I’m younger than that now“. Damals, das ist für ihn immerhin fünfzig Jahre her, als er als Folkie in den Coffee Houses und Clubs von Chicago begann. Was für eine herausragende Band waren die kalifornischen Byrds von 1964 bis 1973 unter ihrem Chef McGuinn. Und was für ein unverwechselbarer Sänger ist er noch heute, mit seiner hohen Flatterstimme. Was für ein außerordentlicher Gitarrist, mit seiner Anschlagtechnik, bei der er gleichzeitig ein Plektrum zwischen Daumen und Zeigefinger hält und auf den anderen Fingern metallene Fingerpicks benutzt. Frenetisch bejubeln die Fans jeden einzelnen Song. Die meisten stammen aus dem Byrds-Repertoire, wirken aber wie neu. McGuinn lacht und erzählt kleine Anekdoten: Wie Bob Dylan einmal die Byrds gefragt habe, was sie denn da gerade für ein Lied spielten? „All I Really Want To Do“ war Dylans eigener Song im Byrds-Stil. „Klingt gut!“, habe Dylan gesagt. Klingt auch heute noch gut, wie McGuinn ihn interpretiert. Gut klingt auch seine siebensaitige Martin-Akustikgitarre. Auf der spielt er dann auch „Eight Miles High“, mit dem leicht indischen Intro – und „Mr. Tambourine Man“ natürlich wieder auf der elektrischen Rickenbacker. Nach ein paar Zugaben nicht enden wollender Jubel für ein berauschendes Konzert. H.P. Daniels

KLASSIK

Bach, befremdlich: der Organist Leo van Doeselaar im Dom

Holländische Sprachfetzen schwirren durch den Dom, und das aus gutem Grund: Mit Leo van Doeselaar ist ein in den Niederlanden populärer Musiker zu Gast beim Internationalen Orgelsommer (noch bis 22.8.). Sein Programm widmet er Bach, allerdings auf eigentümliche Art. Doeselaar hat nämlich Stücke ausgewählt, die auf Ostinati, beständig wiederkehrenden Bassfiguren beruhen. Gleich zu Beginn überzeugt er in der für Orgel bearbeiteten Violin-Chaconne mit einfühlsam melodiedienlichem Spiel und zarten Klangfarben. Das bekannte Stück klingt in dieser Bearbeitung vertraut und fremd zugleich. Allerdings auch ohne die Dramatik, die das Original aus der radikalen Überforderung der Violine bezieht. Noch befremdlicher wirken die Variationen über Themen aus Bachs h-Moll- Messe von Franz Liszt. Man hört gewissermaßen die Bearbeitung einer Bearbeitung, Lists Klavierwerk wurde von Karl Straube für Orgel gesetzt. Die über ein chromatisches Klagemotiv gesetzten Variationen erfahren durch den Einsatz extremer Registerfarben geradezu verstörende klangliche Brechungen, etwa wenn unvermittelt ein kräftiges Vox-Humana-Register schnarrend erklingt. Zum Schluss dann Bachs große c-Moll-Passacaglia, die auf der spätromantischen Sauer-Orgel schön, aber eigenartig deplatziert klingt: Das weich intonierte Instrument stellt geradezu das direkte Gegenteil barocker norddeutscher Orgelästhetik dar. Ulrich Pollmann

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